"Als morgens um 8.15
Uhr aus Hunderten von Geschützrohren ein Trommelfeuer losbricht, wie es alte
Soldaten seit langem nicht mehr und junge Soldaten überhaupt noch nie erlebt
haben, ist dies der Auftakt für den planmäßig vorbereiteten Großangriff der
1. Weißrussischen Front gegen die Stellungen der deutschen 2. Armee im Raum
südostwärts Gomel und Retshiza. Die Sowjets sind entschlossen, wie vor einer
Woche im Raum beiderseits Kiew nun auch hier die Dnjeprlinie zu Fall zu
bringen. Über dem HKL-Abschnitt des Kampfbataillons liegt bereits nach
wenigen Minuten ein Vorhang von Qualm und Staub. In kurzer Zeit sind alle
Nachrichtenverbindungen unterbrochen. Nur eine B.-Stelle der Inf-Geschütze
meldet sich hin und wieder per Funk und gibt gegen 9 Uhr durch, dass die
Front noch hält. Dann schweigt auch sie. Eine Viertelstunde später läßt das
Trommelfeuer etwas nach, wird vorverlegt und setzt dann wiederum mit voller
Wucht auf den Bereich der 2. Linie ein, wo sich auch unser Bataillons
Gefechtsstand befindet. Hier weiß man nun zumindest, daß vorne der
feindliche Großangriff begonnen haben muß. Die vorderen Linien werden fast
überall von russischen Panzern des Typ´s T 34 und nachfolgender Infanterie
durchbrochen. Nur Lt. Eichler mit seinen drei 8,8 und 4 Panzern kann etwas
Luft schaffen, aber auch er muss angesichts Munitionsmangels beim Angriff
der 3. Welle seine Stellung aufgeben und die Geschütze sprengen.
Das Kampfgeschehen
hat nunmehr die Höhe des Bataillonsgefechtsstand erreicht. Für Hauptmann
Krützmann ergibt sich folgende Überlegung: Feindpanzer beiderseits vorbei,
Feindinfanterie noch etwa 200 m entfernt. Eigene Grenadiere gehen überall in
kleinen Trupps weiter zurück. Alle Offiziere des Stabes und die Führer der
4. und 9. Kp. sind unterwegs, um einen Überblick über die Lage zu gewinnen
bzw. Versprengte aufzufangen. Von den Nachbarn ist nichts zu erfahren,
Verbindung zum Rgt.Stab besteht ebenfalls nicht mehr. Inmitten dieses
Durcheinanders, in dem nichts mehr mit militärischer Exaktheit zu berechnen
oder zu planen ist, ist nur noch eines von Wichtigkeit: Der Feind darf nicht
eher in der Bärenstellung sein als die eigene und dann wieder abwehrbereite
Truppe!
Zurück in die
»Bärenstellung« — in diesem Sinne erteilt Hptm. Krützmann ruhig und
unmissverständlich seine Befehle. Er sorgt dafür, dass alle Waffen
mitgenommen werden, kein intaktes Kfz. stehen bleibt. Und so wie er durch
sein persönliches Auftreten Aufregung und Planlosigkeit eindämmt, so sind
zur gleichen Zeit von Oberstlt. Kahler bis zum unbekannten Gruppenführer
zahlreiche besonnene Männer bemüht, Halt und Ordnung in die Truppe zu
bringen. Während die Panzergrenadiere ihre Nasen noch einmal tief in den
Dreck stecken müssen, gebieten den feindlichen Panzerspitzen nunmehr die
bereitstehenden Panzerjäger SF und die »Wespen«, das sind
10-cm-Feldhaubitzen auf Selbstfahrlafette, ein endgültiges Halt!
Wo man auch hinsieht,
überall Detonationen, berstender Stahl, zerbrochene, brennende,
bewegungsunfähig stehengebliebene T 34 und K.W.I. Die abendliche Bilanz
zählt 185 Panzerabschüsse auf — davon entfallen 54 auf die Pz.Gruppe
Eichler, 26 auf die Pz.Gruppe Fehrmann und 14 auf die »Wespen«.
Nun aber heißt es,
den Einbruch der feindlichen Infanterie in die »Bärenstellung« zu
verhindern. In der rechten Hälfte des Bataillonsabschnittes fasst Olt.
Schmidt, in der linken Olt. Moritz alles zusammen, was noch schießen kann.
Zu den Resten der eigenen Kompanien kommen Flaksoldaten, 32er-Pioniere und
alte, grauhaarige Baupioniere. Die Grabenbesatzung ist mehr als dünn gesät.
Nach rechts fehlt sehr bald der Anschluss zur Nachbardivision, nachdem die
hier eingewiesene Feldgendarmerieeinheit stillschweigend verschwunden ist.
Von hier droht dann auch die nächste Gefahr, denn der Gegner findet diese
Lücke in der deutschen Abwehrfront sofort heraus. Hptm. Krützmann stellt den
Stoßtrupp persönlich zusammen, der die Lage bereinigen soll, es darf nicht
beim Versuch bleiben, es muss um jeden Preis gelingen, die Lücke wieder zu
schließen. Es glückt mit Schwung, Schneid und vielen Handgranaten.
Den vorstehend
angedeuteten Aufbau der neuen Abwehrlinie haben nicht allzu viele »5er«
miterlebt. Zweihunderteinunddreißig Mann — 231 —fehlen bereits durch das
Geschehen der letzten zwölf Stunden, tot, vermisst oder verwundet
Auch am folgenden Tag
ist Hauptmann Krützmann der Fels in der Brandung. Er führt seine bereits
zurückflutenden Grenadiere im Gegenstoß zurück in die eigenen Stellungen und
verhindert damit erneut einen russischen Durchbruch. Die PzJäger
vernichteten am 11. November erneut 59 Feindpanzer vor den Stellungen des I.
Bataillons."