Im Zusammenhang mit dem Untergang der
deutschen Heeresgruppe Mitte im Sommer 1944, einem "Über-Stalingrad",
bei dem von 38 eingesetzten Divisionen 28 zerschlagen wurden und
Gesamtverluste zwischen 350.000 und 400.000 verwundeten, gefallenen und
vermissten Soldaten zu beklagen waren, erlitt auch die Generalität der
deutschen Wehrmacht ihren bislang größten Aderlass während des II.
Weltkrieges, von insgesamt im Mittelabschnitt als Korps- und Divisionsführer
eingesetzten 47 Generalen gerieten nicht weniger als 21 in sowjetische
Kriegsgefangenschaft, weitere sieben fielen im Kampfe, zwei gaben sich selbst
den Tod, und ein General blieb vermisst, bezeichnend für dieses Geschehen ist
folgende Verlautbarung im deutschen Wehrmachtsbericht vom 3. Juli 1944:
"In den schweren Abwehrkämpfen fanden
die Kommandierenden Generale, General der Artillerie Martinek und General
der Artillerie Pfeiffer sowie Generalleutnant Schünemann, an der Spitze
ihrer Korps kämpfend, getreu ihrem Fahneneid den Heldentod.",
dabei verlor das XXXIX. (39.) Panzerkorps
mit den Generalen Martinek und Schünemann kurz hintereinander den
Kommandierenden General und dessen mit der Führung des Korps betrauten
Nachfolger.
Mit dem Eichenlaubträger General der Artillerie Robert Martinek verlor das
deutsche Heer einen während 37 soldatischer Dienstjahre nacheinander in drei
Armeen hochbewährten Offizier, aus der Armee des kaiserlichen Österreichs kam
er über das Bundesheer der ersten österreichischen Republik schließlich ab
1938 ins deutsche Reichsheer, im II. Weltkrieg galt er als "der
bedeutendste Artillerist der Wehrmacht".
Geboren wurde der spätere General Robert Martinek am 02.02.1889 im
mährischen Städtchen Gratzen/Bezirk Köpfitz als Sohn eines Braumeisters, nach
Besuch der Wiener Artillerie-Kadettenanstalt ab 1903 trat der junge
Mährendeutsche am 18.08.1907 als Fähnrich in die k. u. k. (kaiserlich und
königlich) Armee ein, am 01.10.1910 wurde er als Leutnant zum k. u. k.
Feldhaubitzen-Regiment 8 "ausgemustert" und am 01.08.1914 zum
Oberleutnant befördert.
Im 1. Weltkrieg zeichnete sich Oberleutnant Martinek an der russischen und
italienischen Front durch Unerschrockenheit, Tapferkeit und Führungsqualitäten
immer wieder aus, dafür erhielt er nicht weniger als dreimal die Silberne
Tapferkeitsmedaille ("Signum Laudis") mit Kriegsdekoration und
Schwertern, zweimal das Militärverdienstkreuz 3. Klasse und schließlich auch
noch den Orden der Eisernen Krone 3. Klasse mit Kriegsdekoration und
Schwertern, überdies wurde er 1917 als Achtundzwanzigjähriger außer der Reihe
zum Hauptmann befördert.
Nach Kriegsende wurde Hauptmann Martinek ins erste österreichische
Bundesheer übernommen und bereits 1921 - mit 32 Jahren - zum Major befördert,
in den folgenden Jahren machte er sich in mehrfacher Weise um das
österreichische Artilleriewesen verdient, zu seinen bedeutendsten Erfindungen
gehörte das "Kapselschießen" für Geschütze, womit teure Granatmunition
gespart wurde, über Osterreich hinaus bekannt wurde die "Zielspinne",
das "Artillerie-Gleichrichter-System Martinek", das allgemein im
österreichischen Bundesheer eingeführt wurde und der Artillerie ein noch
genaueres Schießen ermöglichte, nach Beförderung zum Oberstleutnant wurde
Martinek am 04.11.1930 Kommandant der Artilleriefachschule und vier Jahre
später als Oberst Kommandant der Artillerieschießschule, ihren Höhepunkt
erreichte seine heimische Karriere am 01.10.1937 mit der Ernennung zum
Artillerie-Inspekteur des österreichischen Bundesheeres.
Als im März 1938 das österreichische Bundesheer in die deutsche Wehrmacht
überführt wurde, bestand seine durch Martinek wesentlich mitgeprägte
Artillerie aus elf Regimentern mit 51 leichten und 18 schweren Batterien,
Oberst Martinek wurde am 1. 8. 1938 zum "Arko" (Artilleriekommandeur)
35 ernannt.
Zu Anfang des II. Weltkrieges fand er im Polen- und Westfeldzug ebenfalls als
"Arko" 18 bzw. 7 Verwendung, auch im Kampf gegen die Sowjetunion
bewährte sich Martinek, der am 01.06.1941 mit 52 Jahren Generalmajor geworden
war, zunächst als Artillerieführer z. B. an der Leningrad-Front.
Generaloberst Guderian würdigte ihn in seinen Erinnerungen mit der
Feststellung, daß "die artilleristischen Aufgaben dem erstklassigen
Fachmann, dem österreichischen General Martinek übertragen" wurden "der
diese zur vollsten Zufriedenheit löste", bei der Auflösung eines
sowjetischen Kessels vor Leningrad brachte er die darin eingeschlossenen Reste
mehrerer Divisionen und Brigaden der Roten Armee mit einem Trommelfeuer aus
611 Geschützen zur Kapitulation, wobei innerhalb kurzer Zeit mehr als 60 000
Granaten verfeuert wurden, am 26.12.1941 wurde ihm, der inzwischen die Führung
der
267. Infanterie-Division übernommen hatte, das Ritterkreuz des Eisernen
Kreuzes verliehen.
Nachdem er vorübergehend als Kommandeur der
7. Gebirgs-Division
eingesetzt war, bekam er im Jahre 1942 Gelegenheit zu seiner größten
Bewährung, indem er ab 07.06.1942 als "Harko z. b. V."
(Höherer Artillerie-Kommandeur zur besonderen Verwendung) an der Bezwingung Sewastopols, der damals stärksten Festung der Welt, beteiligt war, hier war er
für die Artillerie des XXX. (30.) AK an der Südfront zuständig, insgesamt
standen schließlich im Norden und Süden der Festung für die Eroberung
Sewastopols rund 1300 Geschütze der Kaliber 8,8 bis 80 cm zur Verfügung, sogar
ein aus dem Wiener Heeresmuseum geholter österreichischer 30,5-cm-Mörser des
1. Weltkrieges kam noch einmal zum Einsatz, Generalmajor Martinek begnügte
sich nicht damit, den Artillerieeinsatz von einem irgendwo rückwärts gelegenen
Gefechtsstand aus vorzubereiten und zu leiten, sondern begab sich selbst zur
Geländeerkundung nach vorn, war fast täglich von früh bis spät - oft sich im
Feindfeuer hinwerfend, kriechend und robbend - unterwegs, um Generaloberst von
Manstein, dem Oberbefehlshaber der 11. Armee und General Fretter-Pico, dem
Kommandierenden General des XXX. AK, daraufhin fundierte Vorschläge für den
Artillerieeinsatz und den dafür erforderlichen Stellungsbau zu unterbreiten,
als es um die Einnahme des Forts Kap Violent ging und die deutschen Angreifer
mit gezieltem Gewehr- und MG-Feuer überschüttet wurden, riss Generalleutnant
Martinek selbst die Führung an sich, er unterstellte sich zwei Sturmgeschütze
und gab dem VB (vorgeschobener Beobachter) einer 21-cm-Mörserbatterie
Anweisung, sich von der Küste her an das Fort heranzuschießen, dann stürmte
der mittelgroße, weißhaarige General mit seiner Kampfgruppe durch die sich
ergebende Fortbesatzung, erkletterte die Fortdecke und hisste dort eigenhändig
die mitgebrachte deutsche Fahne.
Nachdem die Festung Sewastopol am 07.02.1942 vollständig von deutschen Truppen
eingenommen war und der nunmehrige Generalfeldmarschall von Manstein neue
Aufgaben an der Leningrad-Front übernahm, begleitete ihn Martinek dorthin als
"Harko z.b.V.", am 01.12.1942 wurde er mit der Führung des XXXIX.
Panzerkorps betraut, unter gleichzeitiger Beförderung zum Generalleutnant,
auch in dieser Funktion zeigte er, daß er mehr war als nur ein ,hervorragender
Artillerist", denn bereits einen Monat später, am 01.01.1943, erfolgte
seine nächste Beförderung zum General der Artillerie und die offizielle
Ernennung zum Kommandierenden General des XXXIX. Panzerkorps, am 21.03.1943
wurde er mit dem Deutschen Kreuz in Gold ausgezeichnet, namentliche Erwähnung
fand General Martinek im Wehrmachtsbericht vom 24.10.1943, in dem man u.a.
lesen konnte: "An den Abwehrerfolgen im mittleren Frontabschnitt haben das
XXXIX. Panzerkorps unter Führung des Generals der Artillerie Martinek und die
rheinisch-westfälische 253. Infanterie-Division unter Führung des
Generalleutnants Becker besonderen Anteil.", am 10.02.1944 wurde General
Martinek als 388. Angehörigem der deutschen Wehrmacht das Eichenlaub zum
Ritterkreuz verliehen, außerdem bedachte ihn der rumänische König mit dem
Großkreuz des Ordens der Krone von Rumänien mit Schwertern.
Als im Sommer 1944 die Großoffensive zahlenmäßig und materiell weit
überlegener sowjetischer Kräfte gegen die deutsche Heeresgruppe Mitte losbrach, standen auch Martineks Divisionen von
vornherein auf verlorenem Posten, geschlossene Aktionen größerer Verbände -
oder was davon übriggeblieben war - waren praktisch nicht mehr möglich, zumal
der Gegner sich inzwischen auch die Luftüberlegenheit gesichert hatte, im
Verlauf des 28..07.1944 flogen sowjetische Schlachtflieger einen Angriff auf
die deutschen Stellungen an der Beresina, am 28. November 1812 Schicksalsfluss
für Napoleons "Große Armee", dabei wurde auch Martineks Gefechtsstand
getroffen, zwar hatte er - zusammen mit den Offizieren seines Stabes und
seinem Kraftfahrer - versucht, vor den fallenden Bomben in Deckung zu gehen,
jedoch traf ihn ein Bombensplitter in die Stirn und löschte sein Leben aus -
das Leben eines tapferen Mannes, über den bei den ihm unterstellten Soldaten
zu hören war: "Bei Martinek fühlen wir uns geborgen!", seine
Ordonnanzoffiziere brachten ihren toten General noch über die halbzerstörte
Beresinabrücke in ein Haus und beerdigten ihn am 30.96.1944 auf dem
Soldatenfriedhof von Tscherwen.
Inzwischen gibt es dort weder das Grab noch einen Stein als Erinnerung an den
General der Artillerie Robert Martinek, doch ehrte am 28.06.1963 das
wiedererstandene österreichische Bundesheer das Andenken an diesen
hervorragenden Vertreter altösterreichischen und deutschen Soldatentums, indem
der 1940 erbauten Artilleriekaserne in Baden bei Wien der Name Martinek-Kaserne
verliehen wurde. Eine schlichte Tafel mit dem Kasernennamen
und den Lebensdaten des Generals rühmt ihn als hervorragenden Artilleristen.