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92. Eichenlaubträger Theodor Scherer
Generalleutnant

In der Geschichtsschreibung über die wechselvollen und schließlich für die deutsche Wehrmacht immer aussichtsloseren Kämpfe gegen die Rote Armee der Sowjetunion an der Ostfront des II. Weltkrieges bilden gelungene und versuchte Einkesselungen, Kesselschlachten und die mit bestimmten Ortsnamen legendenhaft verbundenen "Kessel" besondere Höhepunkte. Nicht alle diese Kesselbildungen endeten so spektakulär wie Stalingrad, haben sich aber dennoch - nicht nur bei den unmittelbar Beteiligten, sondern auch bei den Menschen in der Heimat - auf Grund der damaligen Berichterstattung als herausragende Ereignisse des Kampfgeschehens nachhaltig eingeprägt. Dies gilt u. a. für Ortsnamen wie Cholm, Demjansk, Tscherkassy und Welikije Luki. Cholm war der kleinste dieser Kessel, sowohl was die Zahl der Verteidiger (zeitweilig bis zu 5500 Mann) als auch die Flächengröße (nur etwa halb so groß wie ein paar Berliner Häuserblocks) anbelangt.
Die breitere Öffentlichkeit erfuhr vom Kessel von Cholm, der unter Führung von Generalmajor Scherer immerhin 107 Tage lang gegen die zahlen- und materialmäßig weit überlegenen sowjetischen Kräfte in Stärke von drei Divisionen mit Erfolg verteidigt wurde, erstmalig etwas durch den Bericht des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) vom 6. Mai 1942, darin hieß es nämlich:

"Im nördlichen Abschnitt der Ostfront stellten deutsche Truppen in kühnem, planmäßig vorbereitetem Angriff die Verbindung zu einem vom Feinde eingeschlossenen wichtigen Stützpunkt wieder her. Die unter dem Kommando des Generalmajors Scherer stehende Besatzung hat seit dem 21. Januar 1.942 in hartem Abwehrkampf zahlreichen Angriffen überlegener feindlicher Kräfte mit hervorragender Tapferkeit standgehalten."

Erst wesentlich später wurde auch der Name dieses Stützpunktes bekannt: Cholm - eine an sich bedeutungslose Kreisstadt mit rund 12.000 Einwohnern am Oberlauf des Lowat, unweit der Waldai-Höhen.
Der nachmalige Generalleutnant Theodor Scherer wurde am 17. September 1889 als Sohn eines Oberlehrers in Höchstädt geboren, jener bayerischen Kleinstadt an der Donau, die durch den Sieg des Prinzen Eugen und des englischen Feldherrn Marlborough über Franzosen und Bayern am 13. August 1704 in die Geschichte eingegangen ist, wobei in britischen Geschichtsbüchern von der Battle of Blenheim die Rede ist.
Aufgewachsen ist Theodor Scherer in Augsburg, von wo aus er nach dem Schulabschluss seine soldatische Laufbahn als Fahnenjunker im 12. Bayerischen Infanterieregiment "Prinz Arnulf" in Neu-Ulm begann. Hier avancierte er am 23.10.1910 zum Leutnant und trug, als er Anfang August 1914 mit der Maschinengewehrkompanie (MGK) seines Regiments in den 1.Weltkrieg zog, bereits seine erste Auszeichnung: die Prinzregent-Luitpold-Medaille.
Im Laufe des Krieges, den er durchweg an der Westfront erlebte und den er schließlich als Hauptmann beendete, kamen noch die beiden Eisernen Kreuze (EK II und EK I) sowie weitere Landesorden hinzu.
1920 trat Hauptmann Scherer zur bayerischen Landespolizei über, in der er es bis zum Oberstleutnant brachte (01.04.1935).
Am 01.10.1935 wurde er dann als Oberstleutnant in die inzwischen aus dem Hundertausend-Mann-Heer der Reichswehr entwickelte Wehrmacht übernommen und vertauschte die grüne mit der feldgrauen Uniform.
Er wurde zunächst Standortkommandant in Baden-Baden und gehörte dem Stab des Infanterie-Regiments (IR) 111 an. Am 01.01.1937 wurde der inzwischen 47jährige Offizier zum Oberst befördert und im folgenden Jahre - am 1. 4.1938 - zum Kommandeur des IR 56 in Ulm ernannt, damit kehrte er in die alte Garnison seiner Fahnenjunker- und Leutnantsjahre zurück.
Nach zwei Jahren an der Spitze des IR 56 wechselte Oberst Scherer während des Frankreichfeldzuges am 13. 6. 1940 zum neuaufgestellten IR 507, das er bis zum 15. 9.1940 führte.
Der 1. November 1940 brachte ihm die Beförderung zum Generalmajor. Während des Russlandfeldzuges wurde ihm am 1. 10. 1941 das Kommando über die Sicherungs-Division 281 anvertraut.
Seine eigentliche große Stunde, die höchste Bewährung von ihm forderte, kam für den nun 52jährigen Generalmajor Scherer allerdings erst am 21. Januar 1942, als er zum Festungskommandanten in dem von der 3. sowjetischen Stoßarmee unter Generalleutnant Maxim Purkajew hart bedrohten Kessel von Cholm ernannt wurde. Das inmitten eines weiten Sumpfgebietes gelegene Cholm war damals der einzige "feste Platz" in der durchlöcherten deutschen Front zwischen Welikije Luki und Demjansk und zuvor mehr Etappen- als Frontstadt gewesen.
Nun hatte dieser provisorisch zum "festen Platz" erklärte Stützpunkt die Aufgabe, der deutschen 16. Armee den Rücken möglichst lange freizuhalten und den sowjetischen Vormarsch nach Westen zu stoppen.
Was dem neuernannten Festungskommandanten aber an Kräften zur Verfügung stand, um diesen Kessel von nur zwei Kilometern Durchmesser unbedingt zu halten, war geradezu lächerlich. Die so genannte Kampfgruppe Scherer war nämlich ein bunt zusammengewürfelter Haufen, der erst zu einer Kampfgemeinschaft zusammengeschweißt werden musste. Neben Versorgungs- und Etappeneinheiten und Teilen verschiedener Frontdivisionen gab es u.a. ein Bataillon eines Luftwaffen-Feldregiments, ein Reserve-Polizeibataillon, Trosssoldaten und sogar eine Marine-Kraftfahreinheit. Den soldatischen Kern bildeten Verbände der 123. ID, Einheiten, der gerade erst aus Dänemark an die Ostfront verlegten 218. ID und die Reste eines zur 329. ID gehörenden Infanterieregiments. Über allem waltete Generalmajor Scherer mit dem Stab seiner 281. Sicherungs-Division. Außerdem soll er selbst verwundete Soldaten auf den Armen aus der Feuerlinie getragen haben.
Bevor der Kessel endgültig dicht war, konnte er noch Teile des MG-Bataillons 10 als Verstärkung vereinnahmen. Zu einer durch Hitler zunächst erwogenen Verstärkung der "Gruppe Scherer" durch ein Fallschirmbataillon kam es allerdings nicht, wohl aber wurden Teile der 5. Gebirgs-Division vorn Truppenübungsplatz Grafenwöhr abtransportiert, um beim Entsatz von Cholm mitzuwirken.
Was Generalmajor Scherer hier zu leisten hatte, verlangte Mut, Improvisationsfähigkeit und höchste persönliche Bewährung als soldatisches Vorbild und militärischer Führer, dazu gehörte es u. a., daß er mitunter verwundete Soldaten selbst auf seinen Armen aus dem Feuer trug.

Am 22.2.1942 wurde dem Leiter der Verteidigung von Cholm das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes verliehen, als Begründung dafür konnte man im "Berliner Lokalanzeiger" vom 22.3.1942 folgendes lesen:


"Generalmajor Theodor Scherer hat Ende Januar mit verhältnismäßig geringen Kräften eine größere Ortschaft gegen dauernde schwere Angriffe der Sowjets verteidigt. Obwohl er verwundet wurde, leitete er mit ungeschwächter Energie unter Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit Wochen hindurch die erfolgreiche Abwehr, die durch das Binden starker Feindkräfte für die Gesamtführung von ausschlaggebender Bedeutung war."

Am 5. 5. 1942 erhielt Generalmajor Scherer als 92. Angehöriger der deutscheu Wehrmacht auch noch das Eichenlaub zum Ritterkreuz, das ihm nach dem Entsatz von Cholm durch Hitler persönlich übergeben wurde.
Nach einem Erholungsurlaub wurde er am 5. 9.1942 zum Kommandeur der 34. ID ernannt und am 1. 11. 1942 zum Generalleutnant befördert. Vom 2.11.1942 bis 1.4.1944 führte er die 83. ID, ehe er dann am 15. 4.1944 zum Inspekteur des Küstenschutzes beim Wehrmachtsbefehlshaber Ostland bestimmt wurde.
Am 10. 8. 1944 schickte Generaloberst Schörner, der nunmehrige Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Nord (1892-1973), den Wehrmachtsbefehlshaber Ostland, General der Panzertruppe Kempf (1886-1964), und den Generalleutnant Scherer zurück, da er - wie man im Tätigkeitsbericht des Chefs des Heerespersonalamtes nachlesen kann - "keine Verwendung für diese Generale und ihre Stäbe in meinem Bereich hat". Allerdings war bereits  im Vorbefehl vom 01.09.1944  die Ernennung Scherers zum Kommandanten der Verteidigungsstellung C1, nördlich und südlich von Posen, im Wehrkreis XXI vorgesehen. Diese Linie sollte mit 8 Divisionen verteidigt werden. Die offizielle Ernennung erfolgte jedoch erst mit Befehl vom 20.01.1945 und endete schließlich in der Kampfgruppe Scherer.
Hier wurde Scherer mit der Zusammenstellung einer Kampfgruppe beauftragt, die aus folgenden Einheiten bestand:

  • 1 ArtAbt. (mot) mit 12 10,5cm-Kanonen in 4 Bttr.

  • 1 PzGrenBtl. der 10. PzGrenDiv. mit ca. 600 Mann unter Major Hering, die von der eigentlichen Div. abgesplittert waren

  • 1 Btl. der Infanterieschule Döberitz zusammen mit einer PiKp (mot.), die grade vom Truppenübungsplatz Warthelager kamen

Zusammen etwa 1.600 Mann. Diese Verbände trafen zuvor zum 22.01.1945 eher zufällig alle im Städtchen Obornik an der Warthe ein und Scherer formte damit eine durchaus schlagkräftige Kampfgruppe, um den Übergang der Roten Armee über die Warthe zumindest in diesem Raum zu stoppen. Dort eingekesselt setzte sich die Kampfgruppe dann entlang der Warthe über Samter-Wronke-Zirke bis Birnbaum ab, wo erstmals, nach 110 Kilometern Landmarsch, Funkkontakt zum V. SS-Gebirgs-Korps hergestellt werden konnte, welches die Kampfgruppe zum Netze-Übergang nach Driesen befahl. Dieses Städtchen verteidigte die Kampfgruppe gegen die 220. PzBrg. der Roten Armee erfolgreich unter Abschuss von ca. 40 Feindpanzern und setzte sich dann am 29.01.1945 befehlsgemäß nach Schwerin/Warthe ab. Nach 14 tagen schweren Kämpfen wurde die Kampfgruppe Anfang Februar 1945 in den Raum Görlitz verlegt und zur Wiederaufstellung der 10. Panzergrenadier-Division verwendet. Bei Ankunft der Kampfgruppe im Verfügungsraum, musste diese jedoch, im Rahmen der Division,  sofort wieder gegen den eingebrochenen Gegner antreten.
Damit war Scherers soldatische Karriere endgültig abgeschlossen, er überlebte den Krieg verstarb aber bereits am 17. Mai 1951 in Ludwigsburg an den Folgen eines Unfalls im Alter von 61 Jahren.
 

Beförderungen

 

Auszeichnungen

Fahnenjunker ??? Eisernes Kreuz II. Klasse - 1. WK ???
Leutnant 23.10.1910 Eisernes Kreuz I. Klasse - 1. WK ???
Oberleutnant ??? Prinzregent-Luitpold-Medaille ???
Hauptmann ??? Eisernes Kreuz II. Klasse

15.06.1940

Major ??? Eisernes Kreuz I. Klasse 20.06.1940
Oberstleutnant der Polizei 01.04.1935 Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes 20.02.1942
Oberstleutnant 01.10.1935 Eichenlaub zum Ritterkreuz 05.05.1942
Oberst 01.01.1937 Medaille Winterschlacht im Osten ???
Generalmajor 01.11.1940
Generalleutnant 01.11.1942

EHRE SEINEM ANDENKEN - GOTT GEBE IHM DIE LETZTE RUHE

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