In der Geschichtsschreibung über die
wechselvollen und schließlich für die deutsche Wehrmacht immer
aussichtsloseren Kämpfe gegen die Rote Armee der Sowjetunion an der Ostfront
des II. Weltkrieges bilden gelungene und versuchte Einkesselungen,
Kesselschlachten und die mit bestimmten Ortsnamen legendenhaft verbundenen "Kessel"
besondere Höhepunkte. Nicht alle diese Kesselbildungen endeten so spektakulär
wie Stalingrad, haben sich aber dennoch - nicht nur bei den unmittelbar
Beteiligten, sondern auch bei den Menschen in der Heimat - auf Grund der
damaligen Berichterstattung als herausragende Ereignisse des Kampfgeschehens
nachhaltig eingeprägt. Dies gilt u. a. für Ortsnamen wie Cholm, Demjansk,
Tscherkassy und Welikije Luki. Cholm war der kleinste dieser Kessel, sowohl
was die Zahl der Verteidiger (zeitweilig bis zu 5500 Mann) als auch die
Flächengröße (nur etwa halb so groß wie ein paar Berliner Häuserblocks)
anbelangt.
Die breitere Öffentlichkeit erfuhr vom Kessel
von Cholm, der unter Führung von Generalmajor Scherer
immerhin 107 Tage lang gegen die zahlen- und materialmäßig weit überlegenen
sowjetischen Kräfte in Stärke von drei Divisionen mit Erfolg verteidigt wurde,
erstmalig etwas durch den Bericht des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) vom 6. Mai 1942, darin hieß es nämlich:
"Im nördlichen Abschnitt der Ostfront
stellten deutsche Truppen in kühnem, planmäßig vorbereitetem Angriff die
Verbindung zu einem vom Feinde eingeschlossenen wichtigen Stützpunkt
wieder her. Die unter dem Kommando des Generalmajors Scherer stehende
Besatzung hat seit dem 21. Januar 1.942 in hartem Abwehrkampf zahlreichen
Angriffen überlegener feindlicher Kräfte mit hervorragender Tapferkeit
standgehalten."
Erst wesentlich später wurde auch der Name
dieses Stützpunktes bekannt: Cholm - eine an sich bedeutungslose Kreisstadt
mit rund 12.000 Einwohnern am Oberlauf des Lowat, unweit der Waldai-Höhen.
Der nachmalige Generalleutnant Theodor Scherer wurde am
17. September 1889 als Sohn eines Oberlehrers in Höchstädt geboren,
jener bayerischen Kleinstadt an der Donau, die durch den Sieg des Prinzen Eugen und des englischen Feldherrn Marlborough über Franzosen und Bayern am 13. August 1704
in die Geschichte eingegangen ist, wobei in britischen Geschichtsbüchern von
der Battle of Blenheim die Rede ist.
Aufgewachsen ist Theodor Scherer in
Augsburg, von wo aus er nach dem Schulabschluss seine soldatische Laufbahn als
Fahnenjunker im 12. Bayerischen Infanterieregiment "Prinz Arnulf"
in Neu-Ulm begann. Hier avancierte er am 23.10.1910
zum Leutnant und trug, als er Anfang August 1914
mit der Maschinengewehrkompanie (MGK) seines Regiments in den 1.Weltkrieg zog,
bereits seine erste Auszeichnung: die Prinzregent-Luitpold-Medaille.
Im Laufe des Krieges, den er durchweg an der Westfront erlebte und den er
schließlich als Hauptmann beendete, kamen noch die beiden Eisernen Kreuze (EK
II und EK I)
sowie weitere Landesorden hinzu.
1920 trat
Hauptmann Scherer zur bayerischen Landespolizei über, in der er es bis zum
Oberstleutnant brachte (01.04.1935).
Am
01.10.1935 wurde er dann als Oberstleutnant in die inzwischen aus dem Hundertausend-Mann-Heer der Reichswehr entwickelte Wehrmacht übernommen und
vertauschte die grüne mit der feldgrauen Uniform.
Er wurde zunächst Standortkommandant in Baden-Baden und gehörte dem Stab des
Infanterie-Regiments (IR) 111 an. Am 01.01.1937 wurde der inzwischen
47jährige Offizier zum Oberst befördert und im folgenden Jahre - am 1. 4.1938
- zum Kommandeur des IR 56 in Ulm ernannt, damit kehrte er in die alte
Garnison seiner Fahnenjunker- und Leutnantsjahre zurück.
Nach zwei Jahren an der Spitze des IR 56 wechselte
Oberst Scherer während des Frankreichfeldzuges am 13. 6. 1940 zum neuaufgestellten IR 507, das er
bis zum 15. 9.1940 führte.
Der 1. November 1940 brachte ihm die Beförderung zum Generalmajor. Während des Russlandfeldzuges wurde ihm am
1. 10. 1941 das Kommando über die Sicherungs-Division 281 anvertraut.
Seine eigentliche große Stunde, die höchste
Bewährung von ihm forderte, kam für den nun 52jährigen Generalmajor Scherer allerdings erst am
21. Januar 1942, als er zum Festungskommandanten in dem von der 3.
sowjetischen Stoßarmee unter Generalleutnant Maxim
Purkajew hart bedrohten Kessel von Cholm ernannt wurde. Das inmitten
eines weiten Sumpfgebietes gelegene Cholm war damals der einzige "feste
Platz" in der durchlöcherten deutschen Front zwischen Welikije Luki und
Demjansk und zuvor mehr Etappen- als Frontstadt gewesen.
Nun hatte dieser
provisorisch zum "festen Platz" erklärte Stützpunkt die Aufgabe,
der deutschen 16. Armee den Rücken möglichst lange freizuhalten und den
sowjetischen Vormarsch nach Westen zu stoppen.
Was dem neuernannten Festungskommandanten aber an Kräften zur Verfügung stand,
um diesen Kessel von nur zwei Kilometern Durchmesser unbedingt zu halten, war
geradezu lächerlich. Die so genannte Kampfgruppe Scherer war nämlich ein bunt
zusammengewürfelter Haufen, der erst zu einer Kampfgemeinschaft
zusammengeschweißt werden musste. Neben Versorgungs- und Etappeneinheiten und Teilen verschiedener
Frontdivisionen gab es u.a. ein Bataillon eines Luftwaffen-Feldregiments, ein
Reserve-Polizeibataillon, Trosssoldaten und sogar eine
Marine-Kraftfahreinheit. Den soldatischen Kern bildeten Verbände der 123. ID,
Einheiten, der gerade erst aus Dänemark an die Ostfront verlegten 218. ID und
die Reste eines zur 329. ID gehörenden Infanterieregiments. Über allem waltete
Generalmajor Scherer mit dem Stab seiner 281. Sicherungs-Division. Außerdem
soll er selbst verwundete Soldaten auf den Armen aus der Feuerlinie getragen
haben.
Bevor der Kessel endgültig dicht war, konnte er noch Teile des MG-Bataillons
10 als Verstärkung vereinnahmen. Zu einer durch Hitler zunächst erwogenen Verstärkung der "Gruppe
Scherer" durch ein Fallschirmbataillon kam es allerdings nicht, wohl aber
wurden Teile der
5. Gebirgs-Division
vorn Truppenübungsplatz Grafenwöhr abtransportiert, um beim Entsatz von Cholm
mitzuwirken.
Was Generalmajor Scherer hier zu
leisten hatte, verlangte Mut, Improvisationsfähigkeit und höchste persönliche
Bewährung als soldatisches Vorbild und militärischer Führer, dazu gehörte es
u. a., daß er mitunter verwundete Soldaten selbst auf seinen Armen aus dem
Feuer trug.

Am 22.2.1942 wurde
dem Leiter der Verteidigung von Cholm das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes
verliehen, als Begründung dafür konnte man im "Berliner Lokalanzeiger"
vom 22.3.1942 folgendes lesen:
"Generalmajor Theodor Scherer hat Ende Januar mit verhältnismäßig geringen
Kräften eine größere Ortschaft gegen dauernde schwere Angriffe der Sowjets
verteidigt. Obwohl er verwundet wurde, leitete er mit ungeschwächter Energie
unter Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit Wochen hindurch die erfolgreiche
Abwehr, die durch das Binden starker Feindkräfte für die Gesamtführung von
ausschlaggebender Bedeutung war."
Am 5. 5. 1942
erhielt Generalmajor Scherer als 92. Angehöriger
der deutscheu Wehrmacht auch noch das Eichenlaub zum Ritterkreuz, das ihm nach
dem Entsatz von Cholm durch Hitler persönlich
übergeben wurde.
Nach einem Erholungsurlaub wurde er am 5. 9.1942 zum Kommandeur der 34. ID ernannt und
am 1. 11. 1942 zum Generalleutnant befördert. Vom 2.11.1942 bis 1.4.1944
führte er die 83. ID, ehe er dann am 15. 4.1944
zum Inspekteur des Küstenschutzes beim Wehrmachtsbefehlshaber Ostland bestimmt
wurde.
Am 10. 8. 1944 schickte Generaloberst Schörner, der nunmehrige
Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Nord (1892-1973), den Wehrmachtsbefehlshaber
Ostland, General der Panzertruppe Kempf
(1886-1964), und den Generalleutnant Scherer
zurück, da er - wie man im Tätigkeitsbericht des Chefs des Heerespersonalamtes
nachlesen kann - "keine Verwendung für diese Generale und ihre Stäbe in
meinem Bereich hat". Allerdings war bereits im Vorbefehl vom
01.09.1944 die Ernennung Scherers zum Kommandanten der
Verteidigungsstellung C1, nördlich und südlich von Posen, im Wehrkreis XXI
vorgesehen. Diese Linie sollte mit 8 Divisionen verteidigt werden. Die
offizielle Ernennung erfolgte jedoch erst mit Befehl vom 20.01.1945 und endete
schließlich in der Kampfgruppe Scherer.
Hier wurde Scherer mit der Zusammenstellung einer Kampfgruppe
beauftragt, die aus folgenden Einheiten bestand:
-
1 ArtAbt. (mot) mit 12 10,5cm-Kanonen in 4 Bttr.
-
1 PzGrenBtl. der 10. PzGrenDiv. mit ca. 600 Mann unter
Major Hering, die von der eigentlichen Div. abgesplittert waren
-
1 Btl. der Infanterieschule Döberitz zusammen mit einer
PiKp (mot.), die grade vom Truppenübungsplatz Warthelager kamen
Zusammen etwa 1.600 Mann. Diese Verbände trafen zuvor
zum 22.01.1945 eher zufällig alle im Städtchen Obornik an der Warthe ein und
Scherer formte damit eine durchaus schlagkräftige Kampfgruppe, um den Übergang
der Roten Armee über die Warthe zumindest in diesem Raum zu stoppen. Dort
eingekesselt setzte sich die Kampfgruppe dann entlang der Warthe über
Samter-Wronke-Zirke bis Birnbaum ab, wo erstmals, nach 110 Kilometern
Landmarsch, Funkkontakt zum V. SS-Gebirgs-Korps hergestellt werden konnte,
welches die Kampfgruppe zum Netze-Übergang nach Driesen befahl. Dieses
Städtchen verteidigte die Kampfgruppe gegen die 220. PzBrg. der Roten Armee
erfolgreich unter Abschuss von ca. 40 Feindpanzern und setzte sich dann am
29.01.1945 befehlsgemäß nach Schwerin/Warthe ab. Nach 14 tagen schweren
Kämpfen wurde die Kampfgruppe Anfang Februar 1945 in den Raum Görlitz verlegt
und zur Wiederaufstellung der 10. Panzergrenadier-Division verwendet. Bei
Ankunft der Kampfgruppe im Verfügungsraum, musste diese jedoch, im Rahmen der
Division, sofort wieder gegen den eingebrochenen Gegner antreten.
Damit war Scherers soldatische Karriere endgültig
abgeschlossen, er überlebte den Krieg verstarb aber bereits am 17. Mai 1951 in Ludwigsburg an den Folgen eines
Unfalls im Alter von 61 Jahren.
|
Beförderungen |
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Auszeichnungen |
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Fahnenjunker |
??? |
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Eisernes Kreuz II. Klasse - 1. WK |
??? |
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Leutnant |
23.10.1910 |
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Eisernes Kreuz I. Klasse - 1. WK |
??? |
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Oberleutnant |
??? |
|
Prinzregent-Luitpold-Medaille |
??? |
|
Hauptmann |
??? |
|
Eisernes Kreuz II. Klasse |
15.06.1940 |
|
Major |
??? |
|
Eisernes Kreuz I. Klasse |
20.06.1940 |
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Oberstleutnant der Polizei |
01.04.1935 |
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Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes |
20.02.1942 |
|
Oberstleutnant |
01.10.1935 |
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Eichenlaub zum Ritterkreuz |
05.05.1942 |
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Oberst |
01.01.1937 |
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Medaille Winterschlacht im Osten |
??? |
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Generalmajor |
01.11.1940 |
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|
Generalleutnant |
01.11.1942 |
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EHRE SEINEM ANDENKEN - GOTT GEBE IHM DIE LETZTE RUHE