Der Soldat aus
Überzeugung Ferdinand Schörner durchlebte eine der steilsten Karrieren der
deutschen Militärgeschichte.
Er diente
seinem Vaterland in zwei großen Kriegen, stieg vom einfachen Feldwebel bis zum
Generalfeldmarschall auf, erhielt im Ersten und Zweiten Weltkrieg die jeweils
höchste Tapferkeitsauszeichnung und wurde 1945 letzter Oberbefehlshaber des
Heeres! Die andere Seite seiner Persönlichkeit - nationalsozialistische
Einstellung und überharte Führungsgewohnheiten - machten ihn zu einem der
umstrittensten Truppenführer der Wehrmacht.
Als
Angehöriger des Reserve-Unteroffizierskorps bei Ausbruch des Ersten
Weltkrieges einberufen, kämpfte der ehemalige Student Ferdinand Schörner
1914/15 als Vizefeldwebel an der Westfront. Nach zweifacher Verwundung, der
Beförderung zum Leutnant und der Verleihung des Eisernen Kreuzes 1. Klasse
wurde er mit dem Bayrischen Infanterie-Leibregiment an die Südfront verlegt.
Im Kampf gegen die Italiener erwarb sich der stets tapfer, aber manchmal zu
energisch vorgehende Offizier den Pour-le-Mérite, den höchsten Orden des
Kaiserreiches. Als Oberleutnant kämpfte der Sohn eines Polizeioffiziers 1918
erneut im Westen, um nach seiner dritten Verwundung an die serbische Front
versetzt zu werden.
In Anbetracht
seiner großen militärischen Erfolge wurde er nach seiner Dienstzeit im
Freikorps "von Epp" als Oberleutnant in die kleine Reichswehr
übernommen. Oberst von Epp war während des Krieges Schörners
Regimentskommandeur gewesen und hatte ihn auch zum Blauen Max eingereicht. Von
1920 bis 1931 diente Hauptmann Schörner, zusammen mit dem späteren
Schwerterträger Dietl, im Infanterieregiment 19.
Nach weiteren
Truppenverwendungen wurde er 1934 an die Kriegsschule Dresden versetzt, 1937
übernahm er als Oberstleutnant das Gebirgsjägerregiment 98. Als im September
1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, war Schörner bereits zum Oberst
aufgestiegen.
Bereits
während des Polenfeldzuges fiel der Bayer an höchster Stelle auf, als er mit
seinem Regiment als Vorausabteilung der 1. Gebirgsjägerdivision durch den
Süden Polens vorstieß und im Sturmangriff die Festung Lemberg eroberte.
Aufgrund
seiner Verdienste wurde er im Frühjahr 1940 mit der Aufstellung der neuen 6.
Gebirgsjägerdivision beauftragt, deren Kommandeur er anschließend wurde.
Während des Westfeldzuges in den Vogesen zum Einsatz gekommen, wurde Schörner
im August zum Generalmajor befördert.
Während des
Balkanfeldzuges durchbrach Schörner mit seiner Division im Verband des XVIII.
Gebirgskorps die griechische Metaxas-Linie und besetzte im Handstreich die
strategisch wichtigen Bergpässe des griechischen Hochgebirges. Die
Durchführung dieser Operation innerhalb von nur 24 Stunden zählte zu den
größten Truppenleistungen des Krieges! Nach weiteren Erfolgen am Olymp und den
Thermophylen (durch die Schlacht des Spartanerkönigs Leonidas gegen das
persische Heer unter Xerxes bekannt) erhielt Schörner am 20. April 1941 das
Ritterkreuz zum Eisernen Kreuz verliehen.
Nachdem Teile
der Division zusammen mit Fallschirmjägertruppen auf Kreta zum Einsatz
gekommen waren, wurde die 6. Gebirgsjägerdivision zur Auffrischung nach
Norwegen verlegt.
Als im Juni
1941 die Operation "Barbarossa" gegen die Sowjetunion begann, wurde die
Division dem "Armeekorps Dietl" unterstellt und an der
finnisch-sowjetischen Nordgrenze eingesetzt. Das gesteckte Hauptziel in diesem
Abschnitt, die Eroberung des wichtigen Nachschubhafens Murmansk, konnte trotz
großer Anstrengungen und einigen Teilerfolgen nie realisiert werden.
Als
Generaloberst Dietl den Oberbefehl über die 20. Gebirgsarmee übernahm, wurde
Generalleutnant (27.01.42) Schörner im Februar 1942 Kommandeur des XIX.
Gebirgskorps.
Zusammen mit
verbündeten finnischen Truppen konnten in den nächsten Monaten mehrere
russische Gegenoffensiven abgefangen werden. In diesem abseits gelegenen
Frontgebiet fiel Schörner in den Kriegsjahren 1942/43 aber kaum weiter auf.
Die große
Wende in Schörners Karriere kam im Winter 1943/44, als der zum General der
Gebirgstruppe (01.06.42) beförderte Schörner das Kommando über das XXXX.
Armeekorps in der Ukraine übernahm. Nicht ohne Anwendung überharter
Befehlsmethoden konnte Schörner die ihm unterstellten Abschnitte gegen
umfassende russische Angriffe halten und anschließend die nötig gewordenen
Absetzbewegungen decken. Nachdem er für die Verdienste im Nikopol-Brückenkopf
bereits im Wehrmachtsbericht erwähnt worden war, erhielt er am 17. Februar
1944 das 398. Eichenlaub verliehen.
Das Kriegsjahr
1944 sollte den Höhepunkt von Schörners Karriere bringen. Erste Erfahrungen
als Befehlshaber einer Armee konnte der Generaloberst (01.03.44) im März als
Kommandeur der 17. Armee sammeln. Viele namhafte Truppenführer wie von Bock,
Hoth, von Rundstedt oder von Manstein waren bereits lange von Hitler kalt
gestellt oder in den Westen abgeschoben worden. An ihre Stelle traten entweder
jüngere, aufstrebende Generäle wie Model oder hörige Befehlsempfänger,
sogenannte "Steher", wie Schörner.
Dieser wurde
am 30.03.44 zum Oberbefehlshaber der bedrängten Heeresgruppe Südukraine
ernannt - nach nur wenigen Wochen an der Spitze einer Armee!
Hitler hatte
größeres Vertrauen zu Schörner, als zu den meisten anderen seiner
Truppenführer. So konnte dieser es sich als einer der wenigen erlauben, "ungestraft"
Rückzugsvorschläge zu machen. So erreichte er im Sommer 1944 Hitlers
Zustimmung, das nicht länger verteidigbare Sewastopol räumen zu dürfen.
Abermals durch
seine harte Hand gegenüber Untergebenen, aber auch durch glänzende
militärische Aktionen, konnte Schörner die schwankende Front Mitte Juli 1944
schließlich stabilisieren. Unmittelbar danach wurde er an die Spitze der
Heeresgruppe Nord gestellt, die sich gerade einer sowjetischen Großoffensive
gegenübersah.
Mit nur zwei
abgekämpften Armeen und einer Handvoll Panzerbrigaden konnte Generaloberst
Schörner drei russischen Heeresgruppen mit 20(!) Armeen hinhaltenden
Widerstand bieten. Nachdem er mehrmals eine Einkesselung verhindert hatte,
erhielt er am 28.08.44 die prestigebringenden Schwerter zum Ritterkreuz mit
Eichenlaub verliehen.
Kämpfend
konnte er seine Truppen durch Estland und Lettland zurückziehen, ehe den
Russen doch noch das Bravourstück glückte. Durch den raschen Vorstoß in die
Küstenstadt Memel (10.10.44) wurde die gesamte Heeresgruppe Nord in der
lettischen Provinz Kurland abgeschnitten! Diese militärische Katastrophe - 27
Divisionen wurden eingeschlossen - stellte sogar die Schlacht von Stalingrad
in den Schatten, erreichte aber nie deren berühmt-berüchtigten Charakter.
Zwischen
Oktober 1944 und Jänner 1945 organisierte Schörner voller Energie den
Widerstand im Kurland-Kessel. Aufgrund der vielfachen Boden-, Luft- und
Panzerunterlegenheit war aber eine Niederlage nur eine Frage der Zeit. Eine
Evakuierung über See - welche möglich gewesen wäre - wurde von Hitler aber
entschieden abgelehnt.
In vier
getrennten Kurlandschlachten gelangen den Truppen unter Generaloberst Schörner
wahre Glanzleistungen. Aufgestachelt durch die drohende russische
Kriegsgefangenschaft, hielten die Landser ohne ausreichende Munitions- und
Proviantversorgung hunderten Sturmangriffen und Panzerattacken stand. In
Anbetracht der eigenen schwierigen Lage in Ostpreußen konnte die Heeresgruppe
Mitte (Reinhardt) jedoch keinerlei Unterstützung bieten. Nachdem die
sowjetischen Truppen schwere personelle, materielle und moralische Verluste
hatten hinnehmen müssen, begnügten sie sich bis Kriegsende mit dem Binden der
Heeresgruppe Kurland, im Mai 1945 ergaben sich die letzten 200.000 Mann.
Als die
unausweichliche Niederlage in Kurland offensichtlich wurde, beorderte Hitler
Generaloberst Schörner an die Spitze der Heeresgruppe Mitte und ersetze ihn
durch Generaloberst Rendulic. Für seine zentrale Rolle im Kurland-Kessel und
in Anerkennung seiner tapferen Truppen erhielt Schörner am 1. Jänner 1945 die
Brillanten zum Ritterkreuz mit Eichenlaub und Schwertern verliehen und wurde
im Wehrmachtsbericht genannt. Für den tapferen Einsatz der Heeresgruppe wurde
vom OKW ein eigenes Ärmelband "Kurland" gestiftet.
Als
Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Mitte und Nachfolger von Generaloberst
Hans-Georg Reinhardt verteidigte Schörner ab Jänner 1945 verzweifelt Preußen,
Südpolen und das Gebiet östlich der Weichsel. Durch seinen hartnäckigen
Widerstand konnte Schörner über einer Million Zivilisten die Flucht nach
Westen ermöglichen. Die bereits vor seiner Kommandoübernahme entlang der
Danziger Bucht eingekesselten Reste der 2. und 4. Armee (von Saucken) waren
jedoch verloren.
Um die
wankende Front zu stabilisieren, griff er in den letzten Monaten des Krieges
vermehrt zu Todesurteilen gegenüber Deserteuren und "Feiglingen" sowie
zu blutigen Gegenangriffen. Dies brachte ihm beim Gegner einen gefürchteten,
bei den eigenen Truppen oft einen schlechten Ruf ein - so drohte er kurz vor
Kriegsende sogar dem hochbewährten Schwerterträger Georg Bochmann mit dem
Kriegsgericht, als dieser undurchführbare Angriffsbefehle verweigerte.
Ebenfalls ins Rollen brachte Schörner ein Kriegsgerichtsverfahren gegen die
hochdekorierten Generäle Smilo von Lüttwitz und Walter Fries - beide wurden
jedoch freigesprochen.
In einigen
Dutzend Fällen hatten die von ihm angestrebten Kriegsgerichtsverfahren
Todesurteile zur Folge - glimpflicher kamen jene davon, die "nur" degradiert
wurden.
Gefürchtet war
weiter seine unnachgiebige Haltung gegenüber der buchstabengetreuen Einhaltung
von Dienstvorschriften. Obwohl ihm dies viele Feinde im Offizierskorps
einbrachte, war Schörner bei den einfachen Frontsoldaten andererseits oft sehr
beliebt - denn er organisierte bessere Verpflegung, war oft an der Front
gesehen und behandelte die Landser nicht von oben herab, wie es viele andere
hohe Truppenführer taten.
Im April 1945
standen die abgekämpften, kriegsmüden Truppen der Heeresgruppe Mitte in der
Tschechoslowakei, wo sie von drei starken sowjetischen Heeresgruppen
attackiert wurden. Im Westen standen bereits die Amerikaner!
Am 5. April
wurde Ferdinand Schörner im Alter von 52 Jahren zum Generalfeldmarschall
befördert! Als Hitler am 30. April Selbstmord verübte, ernannte er seinen
treuen Truppenführer außerdem testamentarisch zum neuen Oberbefehlshaber des
Heeres!
Um der
gefürchteten sowjetischen Gefangenschaft zu entgehen und seinen Truppen das
Erreichen der amerikanischen Linien zu ermöglichen, leistete Schörner (unter
stiller Einwilligung der Westalliierten!) den russischen Truppen noch bis zum
11. Mai 1945 Widerstand - drei Tage nach dem offiziellen Ende des größten
Krieges der Geschichte musste er jedoch den größten Teil seiner Heeresgruppe
in russische Gefangenschaft entlassen - ein kleiner Teil konnte sich zu den
Amerikanern durchschlagen.
Schörner
selbst konnte, als Zivilist getarnt, in den Westen flüchten und sich bis Ende
Mai verstecken. Nach seiner Gefangennahme durch US-Truppen wurde er aber
kurzerhand an die Sowjetunion ausgeliefert. Sein missglückter Fluchtversuch
als Zivilist wurde ihm später als Feigheit angelastet.
Die Sowjets
wussten um Schörners enormes militärisches Talent und wollten es sich zu
nutzen machen. Nach geheimen Berichten hielt das sowjetische Oberkommando
Schörner für den besten deutschen Frontgeneral des Krieges!
Man bot ihm
mehrmals den Übertritt zum Kommunismus an, sogar der Generalsrang in der neuen
Volksarmee der DDR wurde ihm angeblich offeriert! Als Schörner dies
entschieden ablehnte, verurteilte ihn ein Gericht wegen angeblicher
Kriegsverbrechen zu den standardmäßigen 25 Jahren Straflager. Erst 1955 ließ
man ihn in die Bundesrepublik zurückkehren. Seine Frau war inzwischen
verstorben.
1957 wurde
Schörner erneut verhaftet und vor ein bundesdeutsches Gericht gestellt. Wegen
seiner überharten Methoden während der letzten Kriegsmonate zu viereinhalb
Jahren Gefängnis verurteilt, wurde er bereits nach zwei Jahren wieder
freigelassen. Es muss aber eingeräumt werden, dass sich unter den vielen von
ihm angestrebten Todesurteilen gewiss auch berechtigte Verurteilungen befunden
haben werden. Ähnlich wie der berühmte Jagdflieger Hermann Graf wurde auch
Ferdinand Schörner in den Fünfzigerjahren ein Opfer von massiven Spionage- und
Kollaborationsvorwürfen, da man seine Haltung in der Gefangenschaft für eine
geschickte Täuschung hielt. Teilweise kam es aber auch zu äußerst unfairen und
übertriebenen Presseberichten, so wurden dem ehemaligen Generalfeldmarschall
sogar persönliche Erschießungen von Verurteilten angedichtet!
Am 02.07.1973
verstarb Ferdinand Schörner als letzter Soldat mit dem höchsten militärischen
Dienstgrad der ehemaligen Wehrmacht in seiner Geburtsstadt München.
Der damalige
Bundesminister für Verteidigung erließ folgende Weisung:
"Die
Beisetzung des ehemaligen GFM Schörner findet ohne militärische Ehren statt.
Die Teilnahme an der Beisetzung in Uniform wird allen Angehörigen der
Bundeswehr untersagt! Die Teilnahme von zivil gekleideten Angehörigen der
Streitkräfte ist nicht erwünscht."