5. Brillantenträger Hermann Graf
Oberst, Jagdflieger

Hermann Graf wurde am 24.10.1912 in Engen/Baden geboren.
Nach einer Lehre als Schmied sowie einer Tätigkeit als Angestellter bei Kriegsbeginn als Angehöriger der Luftwaffenreserve einberufen, wurde Feldwebel der Reserve Graf vorerst als Fortgeschrittenen-Fluglehrer an einer Jagdfliegerschule verwendet. Im Frühjahr 1940 ins Jagdgeschwader 51 versetzt, flog der erfahrene Flieger über Frankreich, Griechenland und Kreta etwa 50 Fronteinsätze, ohne auch nur einen Schuss auf eine feindliche Maschine abfeuern zu können!
Der lang ersehnte erste Luftsieg gelang während des Russlandfeldzuges, am 4. August 1941 als Flugzeugführer in der 9. Staffel des Jagdgeschwaders 52. Nach dieser Hürde stiegen die Erfolge des "Reservekriegers" rasch an.
In diesen Wochen kam Graf durch seine Stationierung auf hinteren Flugfeldern unvorbereitet auch mit einem ganz dunklen Kapitel deutscher Kriegsgeschichte in Kontakt – den Greueltaten der SS-Einsatzkommandos. So wurden Graf und einige andere Piloten einmal Augenzeuge von Massenerschießungen, in deren Verlauf sogar einige Kinder hingerichtet wurden! Diese Erlebnisse verdrängte Graf jedoch während des Krieges und wurde erst während seiner Kriegsgefangenschaft davon eingeholt.

Bereits im Dezember wurde Oberfeldwebel Graf für Tapferkeit vor dem Feind zum Leutnant d.R. (Kriegsoffizier) befördert und mit einem Ehrenpokal der Luftwaffe ausgezeichnet. Zusammen mit seinem Freund und Katschmarek "Leo" Steinbatz erzielte er in den nächsten Wochen große Erfolge gegen russische Jäger und Bomber. Bereits Ende Jänner 1942 erhielt Graf für 45 Luftsiege das Ritterkreuz verliehen, Steinbatz folgte diesem Beispiel unmittelbar nach.
Im Frühjahr begann schließlich der kometenhafte Aufstieg des Hermann Graf, der zum aufsehenerregendsten der Luftwaffe werden sollte. Während der nächsten Monate wurde Graf zum Schreckgespenst der sowjetischen Piloten.
Nun bereits Führer der 9. Staffel, reihte der energiegeladene Luftkampfspezialist Sieg an Sieg, worauf er bereits Anfang Mai 1942 seinen 100. Luftsieg (als 7. Jagdflieger) melden und knapp darauf das 93. Eichenlaub (als 40. Luftwaffenangehöriger und 1. Reserveoffizier!) entgegennehmen konnte - nur zwei Tage darauf erhielt er auch die Schwerter zum Ritterkreuz mit Eichenlaub (105 Siege) und wurde zum Oberleutnant der Reserve befördert! Sein damaliger Geschwaderchef, Schwerterträger Herbert Ihlefeld, wusste die einmaligen Fähigkeiten des Ausnahmepiloten zu schätzen.
Grafs Können als Pilot ermöglichte ihm wahre Wundermanöver im Luftkampf. Am 15. Juni 1942 wurde das so erfolgreiche Gespann Graf-Steinbatz jedoch durch den Tod des Rottenfliegers auseinandergerissen. Für seine Verdienste als Grafs Katschmarek erhielt der Österreicher kurz darauf postum ebenfalls die Schwerter verliehen - als Unteroffizier!
Über den Schlachtfeldern der Infanterie und dem feindlichen Hinterland konnte Graf zwischen dem 12.08. und 03.09. insgesamt 39 bestätigte Erfolge erzielen! Als er am 9. September 1942 als erster Jagdpilot der Welt seinen 172. Gegner im Luftkampf bezwang, erhielt er schließlich die 5. Brillanten zum Ritterkreuz mit Eichenlaub und Schwertern - innerhalb von 235 Tagen hatte der Kriegsoffizier alle Tapferkeitsorden "abgeräumt" und war zum strahlenden Vorzeigehelden der Luftwaffe geworden! Im Zuge der auf ihn aufmerksam gewordenen Propaganda-maschinerie gehörte er zu den am meisten fotografierten und bekanntesten Soldaten des Krieges. Dies wirkte sich nicht unbedingt immer zum seinem Vorteil aus.
Graf ließ sich indes auch durch das Erreichte nicht zu mehr Vorsicht zügeln, er flog weiterhin täglich bis zu vier Einsätze und gönnte sich keine Ruhe.
Über Stalingrad hatte Graf die Härte des Kampfes und den ungebrochenen Angriffsgeist einiger sowjetischer Jagdflieger am eigenen Leib zu spüren bekommen. Einmal verfehlte ein Kanonentreffer in seine Kabine seinen Oberkörper nur um Zentimeter, ein anderes Mal riss ihm eine MG-Salve das halbe Seitenruder weg! Über dreißig Einschusslöcher im Rumpf geben ebenfalls einen Einblick in die Härte so manchen Luftkampfes.
Nichtsdestotrotz über Stalingrad besonders erfolgreich, erreichte Graf am 02.10.42 als erster Jagdflieger der Welt die magische Marke von 200 bestätigten Luftsiegen (in 13 Monaten!). Kurze Zeit später wurde der zum Hauptmann d.R. ernannte Graf nach Luftsiegen jedoch vom jungen Walter Nowotny überholt, lag aber noch vor Hans Philipp und dem ebenfalls treffsicheren Günther Rall.

 Wenig später wurde Hermann Graf in einen Luftkampf verwickelt, den er selbst als den härtesten seines gesamten Kriegseinsatzes bezeichnet. Der sich entwickelnde Zweikampf mit einem russischen Jagdflieger wog über eine halbe Stunde hin und her, wilde Kurven- und Luftkampfmanöver beider Kontrahenten, immer wieder kurze Feuerstöße ins Leere. Graf und sein Gegner boten ihr Allerbestes auf - doch am Ende konnte keiner den anderen bezwingen. Am Ende hatten beide Treibstoffprobleme, brachen das Gefecht ab und trennten sich ohne Entscheidung. Graf beschrieb seine ersten Eindrücke nach der Landung: "...meine Gedanken sind ganz bei diesem russischen Jäger. Mit ihm möchte ich gerne einmal zusammensitzen und plaudern. Sicher ist er ein prächtiger Kerl". Für Graf folgten weitere Einsätze und weitere Luftsiege.
Als Hermann Graf während eines Feindfluges verwundet wurde, erfolgte nach seiner Genesung die Ernennung zum Kommandeur der Jagdflieger-Ergänzungsgruppe Ost in Südfrankreich. Dies war nach schwerem Dauereinsatz die erste wirkliche Atempause seit über zwei Jahren. Während des Kampfeinsatzes im Osten hatte Graf kleine Erholungsphasen in seinem Lieblingssport gefunden - dem Fußball. Selbst ein begeisterter und überdurchschnittlich guter Amateur-Torhüter, nutzte Graf im Laufe der Zeit seine Popularität und seinen Rang, um innerhalb seines Geschwaders eine berühmte und sehr gut besetzte Fußballmannschaft aufzubauen. Diesem sarkastisch "Die Roten Jäger" genannten Klub gehörten viele bekannte Vor- und Nachkriegsfußballer an!
Als sich der deutsche Fußballbund darüber beschwerte, dass Graf wiederholt gute Spieler extra zu seinem Geschwader versetzen hatte lassen, entgegnete Reichsmarschall Göring kühl: „solange er derart erfolgreich ist, soll er Fußball spielen so viel er will!“

 Im März 1943 wurde Major d.R. (01.10.42) Graf mit der Aufstellung des Jagdgeschwaders 50 beauftragt, dass er anschließend in der Reichsverteidigung kommandierte. So war der Brillantenträger vom Staffel- zum Geschwaderführer aufgestiegen, ohne je eine Front-Jagdgruppe kommandiert zu haben. Das zweite Höhenjagdgeschwader der Luftwaffe wurde zu dieser Zeit von Grafs ehemaligen Kommodore Oberstleutnant Ihlefeld befehligt.
Im September 1943 nach drei weiteren Siegen an die Spitze des JG 11 gewechselt, flog Graf aufgrund seiner unersetzlichen Tätigkeit als Geschwaderkommodore nur noch selten Einsätze. Trotzdem bezwang er während seiner Dienstzeit an der Westfront nicht weniger als 10 viermotorige US-Bomber! Das JG 11 lag an der sgn. "Straße der Bomber", der Haupteinflugschneise der schweren US-"Möbelwagen". Grafs I. Gruppe wurde durch den erfolgreichen Bomberkiller und Eichenlaubträger Major Rolf Hermichen, die III. Gruppe vom Schwerterträger Major Anton Hackl geführt.
Am 29. März 1944 ging Graf während eines Luftkampfes nach Erfolgen über zwei "Flying Fortress" die Munition aus. Von mehreren Begleitjägern attackiert, nutzte Graf die ihm einzig verbliebene Chance, visierte eine der amerikanischen P-51 "Mustang" an und rammte den Gegner! Dabei schwer verwundet, konnte der Brillantenträger seine Maschine noch rechtzeitig mit dem Fallschirm verlassen und wurde in ein Lazarett gebracht. Dieser unkonventionelle Sieg war der letzte seiner insgesamt 212 bestätigten Abschüsse. Der hohe Preis dafür war eine sechsmonatige Lazarett- und Genesungsphase - danach erhielt der Brillantenträger ein strenges Feindflugverbot auferlegt. Das Jagdgeschwader 11 wurde vom Ritterkreuzträger Oberstleutnant Günther Specht (32 Luftsiege) übernommen, der nach seinem Tod im Jänner 1945 zum Eichenlaub eingereicht wurde.
Im Oktober 1944 kehrte Oberstleutnant Graf, aufgrund seiner Erfolge nun im aktiven Offizierskorps gelistet, an die Ostfront zurück und übernahm als Nachfolger des legendären Eichenlaubträgers Oberst Hrabak sein altes Stammgeschwader JG 52, das immer noch im Südabschnitt der Ostfront lag. Zusammen mit den Einheiten des Heeres zog sich das Elite-Geschwader immer weiter Richtung Westen zurück.
Im Jänner 1945 beteiligte sich der hochdekorierte Geschwaderkommodore zusammen mit den Schwerterträgern Lützow, Priller und Steinhoff an der sgn. "Meuterei der Jagdflieger" gegen Reichsmarschall Göring. Im Gegensatz zu vielen anderen blieb er nach deren Scheitern aber unbehelligt.
Im Mai flogen Grafs Piloten die letzten Einsätze über der Tschechoslowakei.
Als der Befehl zur Kapitulation eintraf, ließ Graf, nach insgesamt sechs Beförderungen(!) bereits Oberst, die letzten Maschinen sprengen. Das Jagdgeschwader 52 hatte einen langen Krieg gekämpft und war durch seine phantastische Besetzung zum erfolgreichsten Verband der Luftwaffe geworden. Neben so bekannten Assen wie Hartmann (352), Barkhorn (301), Rall (275), Batz (237), Lipfert (203), Krupinski (197), Gratz (138) und Dickfeld (136) hatte auch Graf mit über 200 Luftsiegen zum unvergessenen Ruhm der 52er beigetragen. Insgesamt verbuchten die Piloten des Geschwaders zwischen 1939 und 1945 nicht weniger als 11.000 bestätigte Luftsiege - 70 Piloten waren mit dem begehrten Ritterkreuz beliehen worden!!
Auf Befehl des Oberkommandos der Luftwaffe sollten sich Hermann Graf und sein Gruppenkommandeur "Bubi" Hartmann der russischen Gefangenschaft entziehen und sich den Amerikanern ergeben - da dies in ihren Augen aber Verrat an ihren Männer gewesen wäre, verweigerten beide diesen Befehl entschieden und marschierten mitsamt ihrer Piloten und dem Bodenpersonal zu Fuß in Richtung Westen. Wie durch ein Wunder unbehelligt zu den amerikanischen Linien gelangt, wurde das gesamte Geschwader jedoch aufgrund eines sowjetisch-amerikanischen Abkommens am nächsten Tag an die Rote Armee übergeben!
Im Laufe der Gefangenschaft schuf sich ein vom Ausgang des Krieges tief erschütterter Hermann Graf leider Gottes eine später hinderliche Barriere, als er gegenüber seinen Kameraden sagte, er würde auch in der sowjetischen Luftwaffe fliegen - die deutsche gäbe es ja ohnehin nie wieder.
Weiters vertrat Graf öffentlich die (nicht ungerechtfertigte) Meinung, der Krieg sein falsch gewesen und habe zum Teil den Grausamkeiten der SS-Einsatzgruppen Vorschub geleistet. Diese hatte Graf ja wie eingangs erwähnt einmal selbst mitangesehen.
Diese couragierte Einstellung und die bereits im Jänner 1950 erfolgte Entlassung in die Heimat führten später zu äußerst unschönen und unverzeihlichen Verdächtigungen (Spionage, Übertritt zum Kommunismus) und Handlungen (Ausschluss aus dem Kameradschaftsbund der Jagdflieger) gegenüber Hermann Graf. Viele seiner ehemaligen Kameraden und Freunde hielten ihm dennoch die Treue.

Mit 212 anerkannten Luftsiegen in 830 Feindflügen an der Ost- und Westfront hat Oberst Graf den 9. Platz unter den Besten der Besten inne. Nur acht Siege vor ihm rangiert der Schwerterträger Oberstleutnant Heinrich Bär, vier Zähler hinter ihm der zehntplazierte Eichenlaubträger Major Theodor Weißenberger, der erfolglos für eine Schwerterverleihung eingereicht worden war.
Graf ist am 04.11.1988 in Rastatt verstorben.

EHRE SEINEM ANDENKEN - GOTT GEBE IHM DIE LETZTE RUHE

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QUELLE: „Mit Eichenlaub und Schwertern“ von Florian Berger, www.bergerbuch.at