Unter dem Datum des 20. September 1940
meldete die damals in Berlin erscheinende Tageszeitung "12 Uhr Blatt",
daß der "Führer und Oberste Befehlshaber der Wehrmacht" das Ritterkreuz
zum Eisernen Kreuz "auf Vorschlag des Oberbefehlshabers der Luftwaffe,
Reichsmarschall Göring", an folgende Luftwaffenoffiziere verliehen habe,
Oberstleutnant Huth, Kommodore eines Zerstörer-Geschwaders, Oberstleutnant
Höhne, Kommodore eines Kampfgeschwaders, Oberstleutnant Schalk, Kommandeur
einer Zerstörergruppe, Hauptmann Schöpfel, Kommandeur einer Jagdgruppe, und
Oberleutnant Paepcke, Staffelkapitän in einem Kampfgeschwader.
An der Spitze dieser Verleihungsliste stehen zwei Männer, die sich schon im I.
Weltkrieg als Fliegeroffiziere so bewährt hatten, daß sie mit dem Ritterkreuz
des Königlichen Hausordens von Hohenzollern mit Schwertern - also
gewissermaßen der Vorstufe zum Pour le Merite, des seinerzeit höchsten
preußischen Kriegsordens für Offiziere, ausgezeichnet worden waren.
Otto Höhne, der etwas ältere dieser beiden in den 30er Jahren anlässlich des
Aufbaus der Reichsluftwaffe reaktivierten Kriegsflieger, wurde am 30. April
1895 in Woinowitz/Kreis Ratibor in Oberschlesien geboren.
Von der Schulbank weg trat der damals 19jährige Gymnasiast am 14. 8. 1914 als
Einjährig-Freiwilliger beim Grenadier-Regiment König Friedrich Wilhelm IV. (l.
Posensches) Nr. 2 in Stettin ein. Nach kurzer Grundausbildung kam er am 18.
10. 1914 zum Fronteinsatz beim 6. Pommerschen Infanterie-Regiment Nr. 49.
Nach Genesung von einer Verwundung nahm er an einem Offizierslehrgang teil und
kam als Leutnant der Reserve wieder an die Front, inzwischen aber hatte sich
Höhne zur Fliegerei gemeldet und wurde daraufhin im Juli 1915 bei der
Flieger-Ersatzabteilung Köln zum Flugzeugführer ausgebildet.
Am 27. 3. 1916 wurde der Leutnant zum Kagol 4 (Kampfgeschwader der Obersten
Heeresleitung) versetzt und von hier aus im August 1916 zur Jasta
(Jagdstaffel) 1, mit ihr nahm er als Bombenflieger an der Verdun-Schlacht
teil, wobei er eines Tages mit seiner schweren Maschine einen weit wendigeren
Franzosen abschoss.
Diesen Luftkampf hatte ein Mann beobachtet, der damals Deutschlands
volkstümlichstes Fliegeras war: Hauptmann Oswald Boelcke (1891-1916), Ritter
des Pour le Merite und Sieger in 40 Luftkämpfen, er holte Höhne in seine
Staffel und wurde von ihm nicht enttäuscht, abgesehen von einer kurzen
Abkommandierung zu einer Kampfstaffel gehörte der junge Flieger bis zum
Kriegsende 1918 zur Boelcke-Jasta Nr. 2 und war zuletzt Führer dieser
berühmten Staffel, insgesamt brachte er es auf sechs Luftsiege und wurde mit
dem "Hohenzollern" ausgezeichnet.
Nach der Heimkehr im November 1918 nahm der Reserveleutnant sein Studium an
der Staatlichen Höheren Maschinenbauschule in der pommerschen Hauptstadt
Stettin wieder auf.
1921 zog er noch einmal eine Uniform an, um die Führung der "Kompanie
Ratibor" des Oberschlesischen Selbstschutzes zu übernehmen, nach
Beendigung der Abwehrkämpfe setzte er sein Studium fort und beendete es mit
einem Examen in allgemeinem Maschinenbau und Elektrotechnik.
Im Zivilleben betätigte er sich dann länger als ein Jahrzehnt als
Betriebsingenieur, Betriebsleiter und Fabrikdirektor größerer Werke.
Als unter dem letzten Kommandeur des Jagdgeschwaders "Richthofen",
Hauptmann a. D. Hermann Göring (1893bis 1946), der 1933 zum Reichskommissar
für die Luftfahrt und dann zum Reichsluftfahrtminister ernannt wurde, eine
neue deutsche Luftwaffe - zunächst getarnt - entstand, stellte sich hierfür
auch Otto Höhne zur Verfügung.
1934 wurde er zum Führer der Hauptübungsstelle Breslau der Fliegerlandesgruppe
Schlesien im Deutschen Luftsportverband (DLV) berufen, an dessen Spitze,
damals Görings persönlicher Freund und Kriegskamerad Bruno Loerzer (1891-1960)
stand, der es in der Reichsluftwaffe noch bis zum Generaloberst brachte.
Am 1. 3. 1935 erfolgte Höhnes offizielle Wiedereinstellung in die Luftwaffe
als Hauptmann, und bereits am 1. 12. 1935 wurde er zum Major befördert, auf
seiner Uniform trug er nun ein blaues Traditionsband mit der Aufschrift "Jagdstaffel
Boelcke Nr. 2 1916 bis 18".
Zum Staffelkapitän wurde er am 12. 3. 1936 ernannt, am 15. 3. 1937 übernahm er
die neu aufgestellte III. Gruppe des Kampfgeschwaders (KG) 254 in Diepholz bei
Bremen, in dieser Funktion wurde er am 1. 8.1938 zum Oberstleutnant befördert.
Zuvor war seine Gruppe am 15. 3. 1938 auf den neu entstandenen Fliegerhorst
Fritzlar in Hessen verlegt worden, wo es am 1. 11. 1938 zur Umbenennung des
Verbandes in I./KG 254 kam und bald darauf die Umrüstung des Geschwaders auf
He-111-Kampfflugzeuge begann.
Am 1. 5.1939 erfolgte eine nochmalige Umbenennung in I./KG 54, dies hing mit
der zum gleichen Termin vorgenommenen Bildung von vier Luftflotten als größten
Kommando-Einheiten der Reichsluftwaffe zusammen, dabei wurden die
Geschwadernummern 51 bis 75 der Luftflotte 3 unter General der Flieger
Hugo Sperrle (1885-1953)
zugeteilt, der zugleich die Bezeichnung "Befehlshaber West" führte.
Im Westfeldzug von 1940 unterstand jedoch das von Oberst Lackner geführte
Kampfgeschwader 54 dem Luftflottenkommando 2 in Münster unter General der
Flieger Kesselring (1885-1960) und gehörte in diesem Rahmen zu dem von General
der Flieger Keller (1882-1974) befehligten IV. Fliegerkorps, nur vorübergehend
- zum Einsatz gegen Rotterdam - wurde das KG 54 am 14./15.5.1940 dem
Generalkommando des Fliegerkorps z. b. V. von Generalmajor Putzier (1890-1979)
zugeteilt.
Bei Kriegsausbruch im September 1939 verfügte Höhnes Gruppe über insgesamt 36
Flugzeuge des Typs He 111 P-2, als Verbandsabzeichen war mittlerweile für das
KG 54 der "Totenkopf" - nach dem Vorbild der einstigen Braunschweiger
Schwarzen Husaren - eingeführt worden, so kam es zu der inoffiziellen
Bezeichnung "Totenkopfgeschwader".
In der Geschwadergeschichte nimmt der Einsatz auf die holländische Hafenstadt
Rotterdam am 14. Mai 1940, zu dem die I./KG 54 am 14. 5. 1940 gegen 13.45 Uhr
von Quakenbrück aus startete, einen besonderen Platz ein.
Der Anflug der 100 mit 50- und 250-Kilo-Bomben ausgerüsteten Flugzeuge des KG
54 auf Rotterdam erfolgte von den Flugplätzen Quakenbrück, Delmenhorst und
Hoya/ Weser aus in zwei Kolonnen, von denen die größere rechte unter dem
Kommando von Oberst Lackner stand, während die linke von Oberstleutnant Höhne
geführt wurde. Während des Anfluges wurden die Kapitulationsverhandlungen
zwischen den Rotterdam verteidigenden niederländischen Streitkräften unter
Oberst Scharoo und Generalleutnant Rudolf Schmidt (1886-1957), dem
Kommandierenden General des XXXIX. (39.) Armeekorps, aufgenommen, woraufhin
der weitere Angriff durch Funkspruch von Generalleutnant Schmidt an die
Luftflotte 2 verschoben wurde. Erst unmittelbar vor dem Start erhielt Oberst
Lackners Geschwader von der zuständigen Befehlsstelle telefonisch die
Nachricht, daß die Holländer zur Übergabe Rotterdams aufgefordert worden seien
und die Besatzungen des KG 54 beim Anflug auf etwaige rote Leuchtzeichen auf
der Maasinsel achten sollten, für diesen Fall wurden sie angewiesen, statt
Rotterdam als Ersatzziele zwei britische Divisionen bei Antwerpen anzugreifen,
die Luftflotte 2 und das Fliegerkorps z.b.V. versuchten außerdem, den
laufenden Bomberangriff über Funk zu stoppen, ohne daß eine Verbindung
zustande kam. Allein Oberstleutnant Höhne entdeckte im allerletzten Augenblick
zwei rote Leuchtpunkte und gab sofort an seine Gruppe über Sprechfunk den
Befehl zum Abdrehen, Oberst Lackners Verband jedoch flog weiter, so daß 57
Flugzeuge 158 250-kg-Bomben und 1150 50-kg-Bomben, insgesamt 97 Tonnen
Sprengbomben - über Rotterdam abluden, dadurch wurden der größte Teil der
Innenstadt zerstört und zwischen 650 und 900 Zivilisten getötet. Dieses
bedauerliche Ereignis bot Anlass zu mancherlei Legendenbildung und wurde von
der Gegenseite propagandistisch ausgeschlachtet, fest steht jedoch, daß der
Angriff auf Grund ungünstiger Nachrichtenverbindungen, trotz aller
nachweislich unternommenen Versuche der zuständigen deutschen Kommandostellen,
nicht mehr rechtzeitig gestoppt werden konnte, was von deutscher Seite ehrlich
bedauert wurde und im Stab des KG 54 eine bedrückte Stimmung auslöste.
Am 22.6.1940 übernahm Oberstleutnant Höhne anstelle des vorübergehend in
französische Gefangenschaft geratenen Kommodore Oberst Lackner die Führung des
KG 54.
Am 30. 7.1940 wurde Höhne selbst zum Kommodore ernannt und blieb dies -
mittlerweile zum Oberst befördert - formell bis zum 22. 11. 1941. Unter seiner
Führung wurde das "Totenkopfgeschwader" weiterhin in den Brennpunkten
des Kampfes im Westen eingesetzt, so bei Antwerpen, bei der Panzerschlacht von
Namur, bei der Niederzwingung der Dyle-Stellung und bei Dünkirchen.
Am 5. September 1940 wurde Höhne dafür mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet, von
Höhnes Wertschätzung zeugt übrigens die Tatsache, daß seine jungen Flieger ihn
unter sich "Onkel Otto" nannten.
Unter seiner Führung bewährte sich das KG 54 auch in den ersten Monaten des
Ostfeldzuges, bis die I. Gruppe am 11. 8. 1941 zur Auffrischung und Umrüstung
auf den Flugzeugtyp Ju 88 A-4 nach Ohlau in Schlesien verlegt wurde. Hier
endete durch einen tragischen Unglücksfall für längere Zeit Oberst Höhnes
eigener fliegerischer Einsatz. Beim
Start von Ohlau aus - am 15.8.1941 eine
Heinkel-111-4D-Transportmaschine des Geschwaderstabes mit neun Insassen an
Bord infolge eines Bedienungsfehlers ab und wurde bei der Bruchlandung zu 75%
zerstört, Oberst Höhne wurde dabei schwer, sieben weitere Insassen - darunter
der Flugzeugführer Leutnant Janzig - mehr oder weniger schwer und
Hauptfeldwebel Weber tödlich verletzt.
Aufgrund seiner schweren Verletzung kehrte Oberst Höhne nie mehr als Kommodore
zum KG 54 zurück, fühlte sich ihm aber auch weiterhin kameradschaftlich
verbunden.
Zu seinem Nachfolger wurde ab 23. 11. 1941 Oberstleutnant Walter Marienfeld
(1904-1944) ernannt der vom KG 51 kam, er wurde später als Oberst "General
der Kampfflieger", ihm folgte am 1. 4. 1943 Oberstleutnant Volprecht
Riedesel Freiherr zu Esebach (1912-1945).
Nach längerem Lazarettaufenthalt und einer Genesungspause wurde Höhne am 1. 4.
1944 als Generalmajor zum Kommandeur der Luftkriegsschule Fürstenfeldbruck
ernannt, von hier aus besuchte er im September 1944 noch einmal sein altes
Geschwader, das damals auf dem Fliegerhorst Giebelstadt bei Würzburg
stationiert war, wo im Zusammenhang mit der Zuführung von Me
262-Strahlflugzeugen die Umrüstung zum Kampfgeschwader (Jagd) 54 im Rahmen der
"Reichsverteidigung" erfolgte.
In Giebelstadt hatte sich zu diesem Zeitpunkt zur Inspektion auch der "General
der Kampfflieger", Oberst Marienfeld, eingefunden, so daß es zu einem
Dreier-Treffen von KG-54-Kommodores kam: Generalmajor Höhne, Oberst Marienfeld
und Oberstleutnant Riedesel.
Dieses Treffen stand indessen unter einem unglücklichen Stern, worüber in der
von Siegfried Radtke verfassten Geschwader-Chronik folgendes berichtet wird:
"Bei der
Vorführung einer im Truppenselbstversuch entwickelten und gebauten
Tieffliegerabwehrwaffe MG 81-Sechsling (3x MG 81-Zwilling) bricht eine
Strebe der Halterung. Die abirrende Salve trifft eine Hauswand, von den
davor stehenden Offizieren wird Oberst Marienfeld durch einen Splitter in
die Halsschlagader tödlich verletzt und der Geschwader-Adjutant, Hptm. von
Oppel, kommt mit einer Verwundung davon. "
So kam es, daß von
den drei an dem Treffen in Giebelstadt beteiligten drei hochdekorierten
Kampffliegerführern, die einmal an der Spitze des KG 54 gestanden hatten, nur
der älteste von ihnen - Generalmajor Otto Höhne noch das Kriegsende erlebte.
Oberstleutnant Volprecht Riedesel Freiherr zu Esebach, 696. Eichenlaubträger,
stand am 9.2.1945 über seiner hessischen Heimat mit sechs von ihm geführten Me
262 im Kampf gegen einen amerikanischen B-17-Bomberpulk und wurde dabei von
einem der begleitenden "Mustang"-Jäger abgeschossen.
Generalmajor a. D. Otto Höhne starb am 22. November 1969 im 75. Lebensjahr in
Jachenau in Oberbayern
EHRE SEINEM ANDENKEN - GOTT GEBE IHM DIE LETZTE RUHE