Ritterkreuzträger Josef Kammhuber
Generalleutnant

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Unter den bisherigen "Vier-Sterne-Generalen" der Bundeswehr, deren Rang dem der früheren Generalobersten entspricht, gibt es vier Männer, die aus der Luftwaffe hervorgegangen sind, nach ihren Geburtsdaten verdeutlichen sie zugleich den Generationswandel, dem auch die deutsche Bundeswehr zwangsläufig unterworfen ist, diese Reihe beginnt mit dem ersten Inspekteur der Bundesluftwaffe, Josef Kammhuber (Jahrgang 1896), der es bereits in der Wehrmacht zum General der Flieger und Oberbefehlshaber einer Luftflotte gebracht hatte, sie setzt sich fort mit dem dritten Generalinspekteur Heinrich Trettner (geboren 1907), der den II. Weltkrieg als Generalleutnant und Kommandeur einer Fallschirmjägerdivision beendet hatte und schließlich führt sie über den 1913 geborenen hochdekorierten ehemaligen Jagdfliegeroberst Johannes Steinhoff, der seine glänzende Laufbahn als Vorsitzender des Brüsseler NATO-Militärausschusses beschloss, zum Generalinspekteur Harald Wust (Jahrgang 1921), der bei Kriegsende erst Oberleutnant war.
In der Geschichte des Luftkrieges 1939 bis 1945 ist Kammhuber als Organisator der deutschen Nachtjagd, Erfinder der "Kammhuber-Lichtspiele" und des "Kammhuber-Riegels" zur Abwehr feindlicher Luftangriffe auf das Reichsgebiet verzeichnet, aber auch aus der Historie der Bundesluftwaffe, die er in fünf Aufbaujahren mit seinen damaligen Mitarbeitern, zu denen auch Steinhoff gehörte, sozusagen aus dem Boden gestampft hat, ist Josef Kammhubers Name nicht wegzudenken.
Er ist ein Oberbayer aus Burgkirchen an der Alz, wo er am 19. August 1896 als Sohn eines Landwirtes geboren wurde, als im August 1914 der 1. Weltkrieg ausbrach, meldete sich der damals achtzehnjährige Kammhuber bei einem bayerischen Pionierbataillon als Kriegsfreiwilliger, erlebte achtzehn Monate Grabenkrieg in der "Hölle von Verdun", wo 1916 zehntausende deutsche und französische Soldaten den Tod fanden und wurde 1917 zum Leutnant befördert.
Nach dem Krieg wurde er in die Reichswehr übernommen, hier bildete er zunächst in Landshut und Lindau Rekruten aus, bis er 1923 nach München versetzt wurde, wo er zum "Augenzeugen" des Hitlerputsches vom 9. Novernner 1923 wurde, nach Beförderung zum Oberleutnant am 1. 4.1925 - nach fast zehnjähriger Leutnantszeit - bestand Kammhuber 1926 die "Wehrkreisprüfung", die ihm den Zugang zum Generalstabsdienst öffnete, mit der Note "l" und machte eine dreijährige "Führergehilfen"-Ausbildung durch, sie führte ihn u. a. in den Stab der 2. Division nach Stettin, wo Oberstleutnant Paul Hausser, der spätere General der Waffen-SS, als Stabschef sein Vorgesetzter war und wo gleichzeitig Major Heinz Guderian, der in den dreißiger Jahren die entscheidenden Impulse zum Aufbau der neuen deutschen Panzertruppe und zu einer neuartigen Taktik des Panzereinsatzes gab, Dienst tat.
Die Reichshauptstadt und Reichswehrzentrale Berlin war Kammhubers nächste Station, hier arbeitete er in der Operationsabteilung (T1) des als "Truppenamt" firmierenden inoffiziellen Generalstabes, da man dort jemand brauchte, "der die Fliegerei bearbeitete", ließ sich der technisch interessierte Oberleutnant Kammhuber ab 1929 zum Piloten ausbilden, 1930/31 bekam er Gelegenheit zu dienstlichen "Auslandsreisen" unter falschem Namen nach Lipezk in der Sowjetunion, wo er in die Geheimnisse der Jagdfliegerei eingewiesen wurde und sich schließlich zum Spezialisten für Luftkriegsführung entwickelte.
Als nach Hitlers Machtergreifung (30. 1. 1933) der ehemalige Fliegerhauptmann und spätere Reichsmarschall Hermann Göring zunächst zum Reichskommissar für die Luftfahrt und dann zum Reichsluftfahrtminister ernannt und mit dem Aufbau einer neuen deutschen Luftwaffe betraut wurde, wechselte Hauptmann Kammhuber im September 1933 als Gruppenleiter in die Organisationsabteilung des Reichsluftfahrtministeriums über, hier gehörte er zu den engeren Mitarbeitern des wenige Jahre später tödlich abgestürzten ersten Generalstabschefs der neuen Luftwaffe, Generalleutnant Walter Wever (1887 bis 1936), mit dem er sich hinsichtlich der Forderung nach dem Aufbau einer kleinen, weittragenden strategischen Bomberflotte ("Uralbomber) einig war, diese Vorstellungen kamen jedoch unter Wevers Nachfolgern Hans-Jürgen Stumpff (1889 bis 1968) und Hans Jeschonnek nicht zum Tragen.
Mit der Beförderung zum Major war für Kammhuber 1936 wieder ein Truppenkommando fällig, er wurde Kommandeur einer Jagdfliegergruppe in Dortmund, bereits 1937 wurde er, dem die Personalabteilung der Luftwaffe bescheinigt hatte: "Er ist für die höchsten Führungsaufgaben geeignet", wieder als Leiter der Organisationsabteilung ins Ministerium nach Berlin zurückgeholt und mit Wirkung vom 1. 12.1938 zum Oberst befördert.
Bei der Mobilmachung im September 1939 wurde der Generalstäbler Stabschef der Luftflotte 2, sein Oberbefehlshaber war damals General der Flieger Hellmuth Felmy (1885 bis 1965), der Vater des bekannten Schauspielers Hans-Jörg Felmy, das Zusammenwirken Felmy-Kammhuber fand bereits im Januar 1940 ein jähes Ende, nachdem sich eine Kuriermaschine mit dem Verbindungsoffizier des "Fliegerführers 220" bei der Luftflotte 2, Major Reinberger, an Bord nach Belgien verflogen hatte und bei dieser Gelegenheit der deutsche Operationsplan für den Westfeldzug in gegnerische Hände gefallen war, der Plan musste daraufhin geändert werden, Felmy und sein Stabschef Kammhuber sowie der Chef des Stabes beim IV. Fliegerkorps, Oberstleutnant i. G. (im Generalstab) Genth, zogen sich deswegen Hitlers und Görings Ungnade zu und wurden abgelöst.
Oberst Kammhuber wurde nun Kommodore des Kampfgeschwaders (KG) 51 - nach seinem Erkennungszeichen auch "Edelweiß-Geschwader" genannt, doch auch hier war ihm das Glück nicht hold, Flugzeugführer einer Kette von drei Flugzeugen seines Geschwaders verwechselten am 10. 5.1940 die deutsche Stadt Freiburg mit dem französischen Flugplatz Dijon und luden über der Münsterstadt am Rand des Schwarzwaldes ihre Bomben ab, Ergebnis: 57 Tote und 101 Verletzte, die Goebbels-Propaganda machte daraus einen feindlichen Luftangriff, der deutsche Vergeltungsmaßnahmen herausforderte.
Am 3. 6.1940 startete Oberst Kammhuber an der Spitze seines Geschwaders zu einem Großangriff auf französische Flugplätze, dabei wurde seine Maschine von zwei englischen angegriffen, von denen der Bordschütze zwar eine zum Absturz brachte, die andere jedoch Kammhubers Flugzeug zusammenschoss und zur Bauchlandung zwang, Kammhuber geriet in französische Gefangenschaft, aus der ihn jedoch der zügige deutsche Vormarsch bald wieder befreite, Göring beauftragte den nun wieder zur Verfügung stehenden bisherigen Geschwaderkommodore mit der Aufstellung der 1. Nachtjagddivision, die allerdings am 19. 7. 1940 nur aus einem einzigen Geschwader (NJG 1) unter Hauptmann Falck bestand, dazu kamen noch eine Scheinwerferbrigade und ein Luftnachrichtenregiment, ein zweites Geschwader wurde vorerst lediglich durch die Fernnachtjagdgruppe 1. NJG 2 unter Hauptmann Heyse angedeutet, so entwickelte Kammhuber, der am 16.10.1940 zum Generalmajor befördert wurde, seit Juli 1940 mit der ihm eigenen Organisationsgabe und Tatkraft von den Anfängen an die Technik des Aufspürens eines Gegners und die Heranführung eigener Kräfte zu seiner wirksamen Bekämpfung, damit griff er von Holland aus seit dem "Adlertag" (13.8.1940) in die "Schlacht um England" ein, am 9.7. 1941 wurde ihm das Ritterkreuz verliehen, im August 1941 folgte seine Ernennung zum "General der Nachtjagd" und die Übertragung des Kommandos über das XII. Fliegerkorps, dem alle Verbände der Nacht-Luftverteidigung unterstellt wurden, das war praktisch die Geburtsstunde des als "Kammhuber-Riegel" bekanntgewordenen Luftabwehrsystems über dem Heimatkriegsgebiet, neben der offensiven Fernnachtjagd ging es dabei um den Aufbau eines Nachtabwehrverfahrens gegen allmählich immer häufiger und zahlreicher anfliegende Feindbomberverbände, das System bestand aus einer Kette von Nachtjagdräumen, die mit den Frühwarn-Radargeräten "Freya", dem "Würzburg"-Präzisions-Radar und vom Boden aus geleiteten Jagdflugzeugen, denen Scheinwerferbatterien Zielhilfe leisteten, ausgestattet waren.
Kammhuber war sich der Grenzen seiner Taktik durchaus bewusst und forderte bei der, obersten Führung unablässig eine weitere Verstärkung der Nachtjagd durch mindestens zweitausend Flugzeuge, eine Verdreifachung der Flak sowie neue Radargeräte mit größeren Reichweiten und Schwenkbereichen ("Panorama-Geräte"), die angeforderten zusätzlichen Nachtjäger wollte und konnte man ihm nicht geben, da sie die Kapazität der ohnehin überlasteten Rüstungsindustrie weit überstiegen und Hitler den Bau von Bombenflugzeuge für wichtiger hielt als die Jägerproduktion, auf Hitlers persönlichen Befehl wurde sogar die Fernnachtjagd in Richtung England eingestellt, da für den Mittelmeerraum dringend Jagdverbände gebraucht wurden, neben Kammhuber forderte auch der "General der Jagdflieger", Adolf Galland, immer wieder den Ausbau der Reichsverteidigung, aber der Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Reichsmarschall Göring, sprach von "faulem Zauber" und von "verantwortungslosen Redereien und Hirngespinsten schlapper Defätisten", statt dessen kam es ab Mai 1943 zur Aufstellung des Jagdgeschwaders 300 "Wilde Sau" nach Vorschlägen des Majors Hajo Hermann und des Obersten i. G. von Lossberg aus dem Technischen Amt der Luftwaffe, womit man vom starren System des "Kammhuberschen Himmelbett"-Verfahrens abging, in diesem Zusammenhang kam es im Herbst 1943 zu einer Neuorganisation der Luftverteidigung: General Kammhuber wurde als "General der Nachtjagd" und Kommandierender General des XII. Fliegerkorps abgelöst und als Oberbefehlshaber der Luftflotte 5 nach Norwegen - sozusagen auf ein totes Gleis - abgeschoben, erst im Februar 1945 erinnerte sich Hitler wieder des Organisators der deutschen Nachtjagd, indem er Kammhuber zum "Sonderbeauftragten zur Bekämpfung der viermotorigen Feindflugzeuge" ernannte, praktische Bedeutung hatte dieses späte Amt jedoch nicht mehr.
Kammhuber geriet schließlich in amerikanische Gefangenschaft, wo er ebenso wie zahlreiche andere ehemalige deutsche Generale - im Auftrag des amerikanischen Verteidigungsministeriums kriegsgeschichtliche Studien verfasste, nach seiner Entlassung zu Weihnachten 1947 betätigte sich Kammhuber zunächst als Weinvertreter in seiner bayerischen Heimat, bis er am 6. 6. 1956 als Generalleutnant die Leitung der Abteilung Luftwaffe des Bundesministeriums für Verteidigung übernahm, er wurde dann auch erster Inspekteur der Bundesluftwaffe und durfte sich schließlich im Februar 1961 - im Alter von fast 65 Jahren - den vierten Generalsstern auf die Schulterstücke heften, erst mit 66 Jahren - am 30. September 1962 - schied er endgültig aus dem aktiven Dienst, er war noch danach, als er wieder in München lebte, ein Mann von überdurchschnittlicher geistiger und körperlicher Vitalität und setzte sich noch als über Sechzigjähriger in den "Starfighter", ein Düsenflugzeug, das in Minutenschnelle bis auf eine Höhe von achttausend Metern steigt, beim Aufbau der Bundesluftwaffe bewährte er sich abermals als begabter, energischer Organisator, auch bei den NATO-Verbündeten erwarb er sich hohes Ansehen und wurde u. a. mit einer der höchsten Auszeichnungen geehrt, welche die Vereinigten Staaten von Amerika zu vergeben haben, die Kommandeursklasse des amerikanischen Verdienstordens "Legion of Merit", Josef Kammhuber starb am 25. 1. 1986.
EHRE SEINEM ANDENKEN - GOTT GEBE IHM DIE LETZTE RUHE