Günther Rall wurde am 10. März 1918 in dem badischen
Städtchen Gaggenau/Kreis Rastatt als Sohn eines Kaufmanns geboren. Nach dem
besuch der Volksschule in Stuttgart, sowie des dortigen
Karls-Gymnasium, wechselte Rall kurz vor seinem Abitur im Jahre 1935 an die
NAPOLA Backnang.
Im Dezember 1936 als
Offiziersanwärter beim Infanterie-Regiment 13 in Ludwigsburg ein, zur Fliegerei
stieß er erst als Oberfähnrich an der Kriegsschule Dresden, nach einem Antrag
auf Versetzung zur Luftwaffe wurde er im Sommer 1938 nach Neubiberg (Bayern)
zur Ausbildung als Flugzeugführer kommandiert, am 01.09.1938 nach erfolgreicher
Absolvierung aller hierfür erforderlichen Lehrgänge mit zwanzig Jahren zum
Leutnant befördert, um dann auf der Jagdfliegerschule Werneuchen eine
zusätzliche Spezialausbildung zu erhalten.
Im August 1939 wurde Leutnant Rall zur 4. Staffel des Jagdgeschwaders 52 nach
Böblingen bei Stuttgart versetzt, beim Ausbruch des II. Weltkrieges wurde das
JG 52 zunächst nur zu Patrouillenflügen - entlang der deutsch-französischen
Grenze eingesetzt, wobei Verletzungen des französischen Luftraumes
ausdrücklich verboten waren, Rall wurde dann zur 8. Staffel der neu
aufgestellten III. Gruppe des JG 52 versetzt, die während des
Frankreichfeldzuges im Mai 1940 von Mannheim aus zum Einsatz kam, in dieser
Zeit erzielte er am 18.05.1940 seinen ersten Luftsieg, einschlägige
Erfahrungen sammelte er über Frankreich und bei den harten Einsätzen während
der Schlacht um England, die dem JG 52 empfindliche Personalverluste
abverlangten, das war auch der Grund dafür, dass Leutnant Rall schon mit
einundzwanzig Jahren eine Staffel führen durfte, zur personellen Auffüllung
wurde die III./JG 52 im Oktober 1940 zurückgezogen und kehrte nicht mehr in
den Westen zurück, statt dessen wurde sie über Wien in das damals noch
neutrale Rumänien verlegt, wo Ralls Staffel den Auftrag hatte, Bohrtürme,
Raffinerien, Ölfelder, Donaubrücken und die Hafenanlagen von Constanza zu
schützen, es folgten im Mai 1941 Einsätze zur Unterstützung des Kampfes um
Kreta und schließlich nach der verlustreichen Eroberung der Insel durch
deutsche Fallschirm- und Gebirgsjäger wiederum über Rumänien - erste
Begegnungen mit sowjetischen Bombern, die es auf die rumänischen Ölfelder
abgesehen hatten, und sodann Jagdschutz während des deutschen Vormarsches im
südlichen Russland, beim Vorstoß auf die Krim und in Richtung Asowsches Meer
sowie während der Schlacht um Rostow, bis November 1941 konnte der nunmehrige
Oberleutnant Rall bereits 36 bestätigte Luftsiege für sich buchen.
Ein für ihn unglücklich verlaufener Luftkampf mit sowjetischen Jägern am
28.11.1941 schien fast schon das Ende seiner fliegerischen Karriere zu
bedeuten, denn seine Me 109 stürzte nach Abschuss eines Gegners brennend zu
Boden und donnerte gegen einen Hang, Rall konnte seine Beine nicht mehr
bewegen, und sein Rückgrat war an drei Stellen gebrochen, ärztliche Diagnose:
"Mit Fliegen ist es aus!", er wurde von einem Lazarett ins andere
verlegt, steckte wochenlang im Körpergips und bedurfte spezieller
neurologischer Behandlung, aber ärztliche Kunst, zäher Lebenswille und die im
Lazarett, geschlossene Bekanntschaft mit einer attraktiven Wiener Ärztin
brachten ihn nach neunmonatigem Krankenlager schließlich doch wieder auf die
Beine und so gelang es ihm im August 1942 durch Überlistung der Bürokratie,
doch wieder zu seinem alten Geschwader an die Ostfront zu kommen, nachdem er
seit dem 20.12.1941 bereits das Deutsche Kreuz in Gold besaß, erhielt er am 03.09.1942 nach 52 Abschüssen, 72 Tiefangriffen und insgesamt 300 Feindflügen
das Ritterkreuz und schon am 26.10.1942 wurde ihm dazu nach 100 Luftsiegen
auch noch das 134. Eichenlaub verliehen.
Nach einem kurzen Hochzeitsurlaub setzte Rall seine Erfolgsserie über dem
Kuban-Gebiet und bei Noworossisk fort, als Hauptmann wurde er mit der Führung
der III. Gruppe seines Geschwaders beauftragt, die damals als "erfolgreichste
Jagdfliegergruppe , der deutschen Luftwaffe" galt, nachdem sie nahezu
dreitausend Abschüsse hatte erzielen können und aus der bis dahin 17
Ritterkreuzträger hervorgegangen waren, am 29.08.1943 meldete der
Wehrmachtsbericht: "Hauptmann Rall, Führer einer Jagdfliegergruppe, errang
am 28. August seinen 200. Luftsieg.", damit war er nach den Majoren
Hermann Graf (1912-1988) und Hans Philipp (1917-1943) der dritte deutsche
Jäger, der diese zuvor kaum denkbare Abschusszahl erreichte, denn die achtzig
Luftsiege des Rittmeisters Freiherr von Richthofen (1892-1918) im 1. Weltkrieg
galten seinerzeit schon als sensationell.
Darauf wurden Hauptmann Rall am 13.09.1943 die 34. Schwerter zum Eichenlaub
des Ritterkreuzes verliehen, es folgte am 15.09.1943 seine Beförderung zum
Major - im Alter von 25 Jahren -, und am letzten Novembertag des Jahres 1943
war sein Name schon wieder im OKW-Bericht zu hören und zu lesen, darin hieß es
nämlich:
"In Luftkämpfen wurden am gestrigen
Tage bei zwei eigenen Verlusten 49 Sowjetflugzeuge vernichtet. Major Rall,
Gruppenkommandeur in einem Jagdgeschwader, errang am 28. November an der
Ostfront seinen 250. Luftsieg."
Bei Kriegsende war Rall Kommodore des JG
300, hatte insgesamt 275 Luftsiege aufzuweisen, rund 800 Einsätze geflogen und
etwa 600 Luftkämpfe erlebt, war selbst fünfmal abgeschossen und dreimal
verwundet worden, dabei hatte er so ziemlich alle deutschen Jagdflugzeugtypen
des II. Weltkrieges selbst geflogen (Me 109, FW 190 und den Düsenjäger Me
262), aber auch erbeutete gegnerische Maschinen wie die Lockheed P-38 "Lightning",
die P-47 "Thunderbolt", die P-51 "Mustang" und verschiedene
Modelle der "Spitfire".
Im Mai 1945 löste er sein damals auf einem Flugplatz bei Salzburg
stationiertes Geschwader selbst auf und versuchte, sich nach Hause
durchzuschlagen, daraus wurde vorerst noch nichts, statt dessen landete er in
einem Kriegsgefangenenlager der Amerikaner, doch auf Grund seiner schweren
Verwundungen wurde er ziemlich bald von Cherbourg aus in die Obhut seiner Frau
entlassen, mit der er nun ein völlig neues gemeinsames Leben begann.
Dieser Neuanfang wurde ihm nicht leicht gemacht, denn als er sich an der
Universität Tübingen immatrikulieren lassen wollte, um Medizin zu studieren,
wurde ihm dies als "Militaristen" verweigert, 1947 fand er ein ihn sehr
befriedigendes Aufgabengebiet als Leiter des Sekretariats der bekannten
Internatsschule Schloss Salem am Bodensee.
Nachdem er gehört hatte, dass seine früheren Fliegerkameraden Hrabak und
Steinhoff in der sogenannten Dienststelle Blank mit an der Vorbereitung eines
deutschen Verteidigungsbeitrages im Rahmen des westlichen
Verteidigungsbündnisses beteiligt waren, bewarb auch er sich um soldatische
Wiederverwendung, als Major wurde er am 1. 1. 1956 in die Bundeswehr
eingestellt und bald darauf zum Oberstleutnant befördert, er stellte eine
erste Gruppe von Kampfpiloten zusammen, die als Führer der neuaufzustellenden
Geschwader der Bundesluftwaffe vorgesehen waren, mit ihnen schulte er in den
USA auf modernen Jagd- und Jagdbomber-Flugzeugen - darunter dem "Starfighter",
danach wurde er Inspizient der Jagdflieger im Führungsstab der Luftwaffe und
war als Oberst (1959 bis 1964) der erste Leiter des Arbeitsstabes F-104" (,Starfighter"),
es folgten ein Truppenkommando als Kommodore des Jagdbombergeschwaders 34 in
Memmingen, die Teilnahme an einem Lehrgang des NATO-Defense-College in Paris,
und sodann eine Tätigkeit als Inspizient für die fliegenden Verbände der
Bundesluftwaffe.
Nach der Beförderung zum Brigadegeneral - einem Rang, der dem des
Generalmajors in der früheren Reichsluftwaffe entspricht - wurde er zum
Kommandeur der 3. Luftwaffendivision in Münster ernannt, als Generalmajor seit
15. 11. 1967 - wechselte er am 1. 4. 1968 zur 1. Luftwaffendivision nach
Meßstetten/Allgäu, 1969 wurde er Chef des Stabes der 4. Alliierten Taktischen
Luftflotte in Ramstein/Pfalz, mit der Beförderung zum Generalleutnant wurde
Günther Rall am 1.10.1970 Kommandierender General des Luftflottenkommandos,
als Steinhoff als Vorsitzender des NATO-Militärausschusses nach Brüssel ging,
wurde Generalleutnant Rall auf Steinhoffs Vorschlag dessen Nachfolger als
Inspekteur der Bundesluftwaffe, er war damit vom 1. 4.1971 bis 31. 3. 1974 für
die militärische Führung und Ausbildung dieser Teilstreitkraft der Bundeswehr
verantwortlich, am 1. 4.1974 wurde er Ständiger Vertreter der Bundesrepublik
Deutschland im NATO-Militärausschuss. Als der Bundeskanzler Konrad Adenauer
1967 stirbt, bildet unter anderem auch Günther Rall die Ehrenwache.
Nach seinem Ausscheiden aus der Bundeswehr im Jahre 1975 war Günther Rall bei
verschiedenen Industriefirmen tätig, der hochausgezeichnete ehemalige
Jagdflieger des II. Weltkrieges, der Fliegen, Golf und Segeln als seine Hobbys
bezeichnet, war im soldatischen und geschäftlichen Ruhestand ein Mensch voller Tatendrang.
Günther Rall verstarb am 04.10.2009 in Bad Reichenhall.